Wie wird mein T-Shirt produziert und was ist es wirklich wert?

Wie wird mein T-Shirt produziert und was ist es wirklich wert?

Letztens noch stand ich ausnahmsweise in einer KiK-Filiale und siehe da: Es gibt tatsächlich einfache T-Shirts im Sale für nur 2,99 Euro. Das mag den Geldbeutel erheblich schonen, umso weniger leider Mensch und Umwelt. In einer Reise um die Welt, passieren unsere T-Shirts verschiedenste Produktionsstationen und begegnen dabei folgenden problematischen Umständen, die weitesgehend auch für viele andere Modeprodukte gelten:

 

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1. Baumwollanbau – z.B. in Usbekistan: Der hohe Wasserbedarf von Baumwolle wird beim konventionellen Anbau mit durchschnittlich 2000l kostbaren Wassers für nur ein T-Shirt abgedeckt. Selbst bei Bio-Baumwolle braucht es noch die Hälfte davon. Die Bewässerung führt dazu, dass einer der größten Binnenmeere der Welt, der Aralsee, seit einigen Jahrzehnten etwa 60% seiner Fläche durch Austrocknung eingebüßt hat. Die Baumwollfelder werden in diesem Fall ausschließlich mit ‚blauem‘ Wasser, sogenanntes Wasser aus Fließgewässern oder dem Grundwasser, versorgt. Im Gegensatz dazu nutzt man beispielsweise in Indien hauptsächlich ‚grünes‘ Niederschlagswasser. Weltweit wird circa die Hälfte des für den Baumwollanbau genutzten Wassers aus ‚blauem‘ Wasser generiert.
Darüber hinaus werden große Mengen Pestizide und Gentechnik eingesetzt und teilweise Kinder zur Arbeit auf die Baumwollfelder geschickt.

2. Spinnen der Baumwolle – z.B. in Indien: Junge Frauen aus armen Familien werden zur Zwangsarbeit nach dem ‚Sumangali‘-System in Spinnereien in Südindien gezwungen, indem ihnen im Vorfeld angeboten wird, nach einer 3-jährigen Arbeitszeit 500-800 Euro als Mitgift für ihre Hochzeit zu erhalten. Sumangali bedeutet ‚glückliche Braut‘; dabei arbeiten die meist minderjährigen Mädchen um die 12 Stunden Tag und Nacht, können sich nicht frei bewegen, leben unter schlechten Wohnbedingungen sowie mangelnden Sicherheitsmaßnahmen, werden durch Vorgesetzte verbal angegriffen oder sexuell belästigt und bekommen meist weniger Geld als versprochen. Obwohl dieses Vorgehen in Indien offiziell verboten worden ist, wird es in ländlichen Regionen noch praktiziert. Nach Schätzungen von NRO’s im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, ist jede zweite Mitarbeiterin in den Spinnereien vor Ort davon betroffen.

3. Färben des Stoffes – z.B. in China: In von massiver Verschmutzung gezeichneten chinesischen Flüssen kann man stellenweise „erkennen, welche Farbe in der kommenden Saison zum Trend erhoben wird“. Denn die Textilfabriken leiten dorthin ihre Abwässer ab. Rund 2500kg Chemikalien werden durchschnittlich in einem Betrieb am Tag eingesetzt, die bis ins Grund- und Trinkwasser vordringen, was gesundheitliche Risiken sowohl für die produzierenden Arbeiter und Anwohner als auch für die Träger in Europa birgt.

4. Nähen des Kleidungsstückes – z.B. in Bangladesch: Nicht nur arbeiten die NäherInnen oft im Akkord, unterhalb des existenzsichernden Lohns und müssen Überstunden machen; auch die Sicherheitsmaßnahmen in den Textilfabriken sind mangelhaft bis lebensgefährlich. Das bekam man spätestens mit dem Einsturz des Rana Plaza Gebäudes am 24.04.2013 in Bangladesch mit 1127 tödlich Verunglückten und tausenden Verletzten deutlich vor Augen geführt. Zuvor schon starben 117 Menschen beim Brand einer Textilfabrik in Tazreen am 24.11.2012. Die Opfer und ihre Familienangehörigen müssen jahrelang auf angemessene Entschädigungszahlungen seitens der Fabrik und der Auftraggeber warten.

5. Verkauf der Kleidung – z.B. in Deutschland: Die Näherin in Bangladesch erhält vom Ladenpreis eines T-Shirts ungefähr 0,6% – 1% als Lohn, wobei ganze 70% beim Markenunternehmen und vor allem im europäischen Einzelhandel landen. Bei dem besagten Discounter-T-Shirt für 2,99 Euro oder einem H&M-T-Shirt für 5 Euro wären das umgerechnet maximal 5 Cent Lohn pro Teil pro Näherin. Das ist, trotz optimierter Nähzeiten innerhalb industrieller Abläufe und trotz des vergleichbar geringeren Einkommens in Entwicklungsländern, denkbar wenig. Man spricht von wenigstens 30 Euro als einen gerechten Preis für ein fair gehandeltes T-Shirt. Alles darüber hängt auch stark von der Menge der produzierten Einzelteile, dem Markenstatus, dem Produktionsstandort und anderen schwankenden Faktoren ab. Dazu kommt noch das Problem von Greenwashing, wenn Labels an Kleidungsstücken eine scheinbar faire und/oder ökologische Herstellung versprechen, sich in der Realität aber nur in die eigene Tasche wirtschaften.

Die durchschnittliche Kostenzusammensetzung eines T-Shirts gestaltet sich wie in der  Infografik oben. Sie zeigt deutlich, dass der Ladenpreis eines T-Shirts nicht unbedingt etwas über die Bedingungen seiner Herstellung aussagt, da ein höherer Lohn für die ArbeiterInnen kaum ins Gewicht fallen würde.

Kosten im Produktionsland: durchschnittlich 16%
> beinhaltet Material: ca. 10% (variiert zw. 7-12%)
Lohn für Näherin: ca. 1%
+ feste Kosten: ca. 1%
Gewinn der Fabrik: ca. 4%
Zwischenhändler & Agenten: ca. 7% (variiert zw. 4-15%)
Kosten & Gewinn des Einzelhandels: ca. 58% (variiert zw. 50-63%)
> beinhaltet Ladenmiete, Personal, Gewinn (keine genauen Werte)
+ MwSt.: 19%
Kosten & Gewinn der Marke: ca. 12% (variiert zw. 12-15%)
Zölle & Transport: ca. 7% (variiert zw. 5-12%)

Im Fall von Discounter-T-Shirts kann man die Anteile für Gewinn und Kosten des Einzelhandels und der Marke unter einem Firmennamen zusammen zählen. Dieser macht den Großteil von etwa 75% der Kosten für ein T-Shirt aus, zu dem übrigens 25% allein für Markenwerbung gehören. Die restlichen 25% fallen für Fabrikkosten, Transporte und Steuern an.

6. Konsum von T-Shirts, z.B. in Deutschland: Der grenzenlose, trend-orientierte, teils unbedachte Konsum von Bekleidung führt dazu, dass jede und jeder Deutsche im Jahr etwa 14kg an Kleidungsartikeln verbraucht. 4x so viel wie noch 1980. Das entspricht etwa 140 T-Shirts – wie hoch der tatsächliche  Anteil an T-Shirts im Vergleich zu Jeans oder Pullovern beim Einkauf durchschnittlich ist, kann man sich grob ausmalen. Dabei werden viele Teile letztlich doch nicht getragen und zusammen mit gebrauchten Kleidungsstücken entsorgt, obwohl 4 von 5 getragenen T-Shirts noch brauchbar wären. Die Verführung zum Kauf lockt mit 6-8 neuen billigen Fast-Fashion-Kollektionen im Jahr; ihre Qualität aber lässt zu wünschen übrig. Kürzere Nutzungszeiten und eine Wegwerfmentalität sind vorprogrammiert. Ein bewussterer Umgang mit Mode würde auch bedeuten, dass wir uns für das gleiche Geld nicht mehr, sondern höherwertigere Produkte leisten würden, die uns auch noch im nächsten Jahr gefallen.

7. Altkleider-Geschäfte, z.B. in Uganda: Knapp die Hälfte der entsorgten Kleidung eignet sich noch für den Second-Hand-Markt. Die sogenannte ‚Crème-Ware‘ bleibt im west-europäischen Handel, während der größere Teil auf großen Gebrauchtkleidungsmärkten vorrangig in Osteuropa, Afrika und im Mittleren Osten in den Handel gelangt. Dubiose Sammlungen der Altkleider durch vermeintlich karitative Organisationen, hinter denen private Gewinn-orientierte Unternehmen stecken, sind Teil eines knallharten und lukrativen Geschäfts. Auf diese Weise wird die lokale Produktion gehemmt, jedoch entstehen neue Arbeitsplätze im Zweite-Hand-Warenverkauf, der in Uganda einen Umsatz von 350 Mio. US-Dollar erwirtschaftet.

 

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Illustrationen: Lisa Frühbeis

Angaben in % des Endkundenpreises, sind Durchschnittswerte verschiedener Quellen wie: Fair Wear Foundation, Kampagne für Saubere Kleidung, Clean Clothing Campaign, Femnet e.V., lohnzumleben.deStatistisches Bundesamt (Wiesbaden), fairwertung.de