Kleiderkultur, nachhaltig: Tom of Hollands „Visible Mending Programme“

Kleiderkultur, nachhaltig: Tom of Hollands „Visible Mending Programme“

Nachhaltiges Modedesign ist ein wichtiges Thema – und doch nur eine Seite der Medaille. Dazu gehört auch das, was ich eine „nachhaltige Kleidungskultur“ nennen möchte, und was uns alle als Träger von Kleidungsstücken betrifft. Schlagwörter, die mir dabei einfallen, wären zum Beispiel „slow living“ oder nachhaltiger Konsum.

Diese „Kleiderkultur“ umfasst alles, was mit dem Kleidungsstück geschieht, nachdem es in deinem oder meinem Besitz ist – wie häufig wird es gewaschen, wie heiß, mit welchen Mittelchen, auch gebügelt, mit Dampf oder ohne… All das beeinflusst nicht nur die Ökobilanz unserer Kleidung (und vergrößert unseren ökologischen Fußabdruck mehr oder weniger), sondern strapaziert auch das Material in verschiedenem Ausmaß.

Früher oder später passiert es dann – ein Löchlein mitten in der Fläche, ein Knopf auf Wanderschaft oder eine Naht gibt nach. Auch das gehört zum Lebenszyklus eines Kleidungsstücks (mal angenommen, es liegt nicht ungetragen in einem viel zu vollen Schrank oder wird vorher sang- und klanglos wegen nicht mehr Gefallens entsorgt, oder besseren Falls weitergegeben).

Manche Verschleißerscheinung mag uns gefallen und das Kleidungsstück „cooler“ machen, wie ein hart erarbeitetes Loch in der Lieblingsjeans. Über kurz oder lang werden diese Löcher vor allem in feinen Stoffen oder Gestricktem jedoch größer und gehen den Sachen an die Substanz.
Jemand, der sich solcher Fälle mit einer ganz eigenen Handschrift annimmt, ist der „textile practitioner“1 Tom of Holland. Sein „Visible Mending Programme“2 propagiert das vergessene Handwerk des Flickens, vor allem des gut sichtbaren Flickens. Sein Ziel ist nicht nur, Löcher zu stopfen und das Kleidungsstück wie neu aussehen zu lassen – er platziert seine Flicken wie ein Ehrenabzeichen. Und zu Recht – das gekonnte Reparieren erfordert einiges an Zeit und je nach Anspruch auch mehr oder weniger Können, das man nicht verstecken sollte! Tom ist Autodidakt, Stricker und hat sich Techniken zur Reparatur von löchrigen oder abgenutzten Gestricken und Geweben erarbeitet, die mich vor Neid erblassen lassen.

_aethic_tomofholland_visiblemendingprogrammeIch bin ganz besonders begeistert von seiner Minikollektion „May all your dreams be indigo“, für die er in Zusammenarbeit mit dem Second Hand-Shop Wolf & Gypsy Vintage Boutique in Brighton vier ausgewählte indigoblaue Teile bearbeitet hat. Blaumann, Sweatshirt und ein Zweiteiler aus Arbeitshose und Jacke, alle industriell gefärbt, ergänzte er mit japanischen Vintage-Stoffen, traditionell mit pflanzlichem Indigo gefärbt, und leuchtend gelbem Garn. Bewusst entschied er sich aber gegen derzeit sehr populäre japanische Techniken wie Sashiko-Stickerei oder Boro, sondern für klassische „westliche“ Methoden. Das Ergebnis spricht für sich – ich finde, ihm ist eine zeitgenössische textile Collage gelungen, mit einer klaren, ansprechenden Ästhetik, für mich ein materialgewordenes Manifest gegen Fast Fashion. Aber seht selbst!

_aethic_tomofhollandtrousers _aethic_tomofholland_wolfgypsytrousers _aethic_tomofholland_sweatshirtIch habe auf jeden Fall meine Stopfnadel wieder benutzt und passend zum Wintereinbruch einige Socken mit kontrastfarbigen Flicken versehen. Auch sehr ans Herz legen möchte ich noch Toms Beitrag über seine Motivation, Kleidung zu verstehen und zu reparieren und den „Fashion Revolution Day“.

When repairing clothes, my mind often starts to wander and I think about who made the item. It might be me, a dear friend, or indeed, it might be an anonymous seamstress.
So, even if you will never find out who made your clothes, you can still think about this person.

Pay them respect and repair your garments.

1 Für mich unübersetzbar – zähneknirschend vielleicht als Textil-Praktiker? In diesem englischen Begriff gefällt mir das „Praktizieren“, Ausüben, Hand-Arbeiten, das mir im deutsch übersetzten „Fachmann“ zu fehlen scheint.

2 zu deutsch vielleicht „Programm für sichtbare Flickarbeit“

Bildnachweis: http://tomofholland.com/