Made in Bangladesch? Kaufen, Finger weg? – Songs of a T-shirt.

Made in Bangladesch? Kaufen, Finger weg? – Songs of a T-shirt.

Am vergangenen Wochenende fuhr ich für die Veranstaltung „Mode trifft Moral“ zum Dresdener Deutsche Hygiene-Museum. Dort wird noch bis zum 3. Juli 2016 die Ausstellung „Fast Fashion. Die Schattenseiten der Mode“ gezeigt – in die Ausstellung konnte ich mich nicht so sehr vertiefen, wie ich wollte, da ich nicht nur als ELF für aethic, sondern auch als Gründerin & Designerin von STILL garments auf der Veranstaltung war, aber der erste Eindruck hat mich überzeugt! Die Ausstellung geht auf verschiedene Aspekte der Mode(-industrie) ein, und illustriert diese anschaulich, wartet aber auch mit reichlich Fakten in Wort und Zahl auf – ich empfehle, für den Besuch großzügig Zeit einzuplanen.

Am Samstag fand zunächst eine Fachtagung statt. Unter „fashion@society“ versammelte das bpb verschiedenste Sprecher. Thema war neben nachhaltiger und konventioneller Mode auch „der Verbraucher“¹ und moderner Konsum.

Auch dazu möchte ich meine Gedanken hier noch teilen. Zunächst aber: Mich hat nach der Tagung am Samstag die Aufführung „Songs of a T-shirt“ vom Theater Flinn wirklich begeistert. Die drei Akteurinnen Lisa Stepf, Lea Whitcher & Sonata verwoben Stimmen von Näherinnen und Fabrikbesitzern aus Bangladesch zu einer sehr dichten, ganz eigenen Collage, ich möchte es mal „Experimental-Reportage“ nennen. Sie reflektierten dabei außerdem, in welcher Rolle sie als „externe“ Beobachterinnen steckten und in welcher Form sie Erlebtes und Gehörtes wiedergeben können, dürfen, sollen. Der Zuschauer bekam in kurzer Zeit die Unmöglichkeit vor Augen geführt, „einfach“ das Richtige zu machen.

„’Songs of the T-shirt‘ ist eine theatrale Irrfahrt durch die globale Textilindustrie zwischen Emanzipation und Ausbeutung, Markt und Intimität, bengalischen Klageliedern und Upcycling-Mode. Interviews werden ein- und nachgespielt, Konsumoptionen durchgespielt und beständig die Kleidung gewechselt – immer der Frage folgend, ob es heute moralisch verwerflich oder erforderlich ist, ein T-Shirt ‚Made in Bangladesh‘ zu kaufen.“²

Das Flinn-Theater war in Dhaka, sprach mit Überlebenden des Rana-Plaza-Einsturzes, Fabrikbesitzer_innen und anderen Akteuren. Mit Nähmaschinen, Performance, Upcycling-“Multioptions-Kostümen“, erzählerisch und singend gaben sie Statements bengalischer Gesprächspartner_innen und ihre eigenen Überlegungen wieder, und am Ende wurden in einer ins Absurde gehende Aktion noch T-shirts unter das Publikum gebracht.
Gesang und Tonaufnahmen brachten die kaum zu begreifende, unfassbar dicht bewohnte Megacity Dhaka in den Saal. Eine sehr widersprüchliche Stadt, die mich zumindest überwältigt, schockiert und bezaubert hat, als ich 2014 dort war. Das Stück griff auch meine eigenen damaligen Zweifel auf, wo meine Position sein sollte, als ich als deutsche, weiße Designerin mit Aspirationen für eine nachhaltige Modeindustrie nach Dhaka reiste – wie auch das Theater Flinn mit Unterstützung des Goethe-Instituts. In einer sehr kurzen Zeitspanne viele Eindrücke bekommen,Individuen, Unternehmen, Designer und NGO’s kennenlernen und versuchen, all das zu ordnen und zu verstehen und daraus vielleicht Ideen zu entwickeln, wohin und mit welchen Mitteln wir gemeinsam auf Augenhöhe dieses Schiff steuern sollten… eine spannende, sehr anspruchsvolle Reise. Probleme dabei sind ja nicht nur die Sprachbarriere, die „gefilterten“ Gespräche, wenn Dolmetscher, auch Vorgesetzte oder Geldgeber anwesend sind, auch die subtilen Unterschiede in Tonalität und Gestik sind mir dabei immer wieder aufgefallen. Umso gelungener finde ich den Umgang, den die Schauspielerinnen damit entwickelt haben! „Songs of a T-shirt“ ist gleichermaßen eine Inszenierung mit einer ganz eigenen Persönlichkeit wie auch authentisch.

Berührt, beklemmt, nachdenklich, traurig und lachend – so hat mich dieses Stück dann am Ende in die Dresdener Nacht entlassen.

Hier ein Video über die Recherche in Dhaka:

Und der Trailer zum Stück:

PS: Hier gibt es Informationen zu Accord (‚Bangladesh Fire and Building Safety Accord‘), einem unabhängigen Abkommen, das nach dem Rana Plaza-Einsturz Arbeits- und Gebäudesicherheit für Arbeitende in Bangladeschs Textilindustrie verbessern soll(te). Dabei geht es übrigens noch lange nicht um Dinge wie existenzsichernde Löhne, menschliche Arbeitsbedingungen und -zeiten, Gewerkschaftsfreiheit, Gesundheits- und Altersvorsorge, wie wir sie kennen und schätzen, sondern um die schlichte Tatsache, dass auch jetzt noch das Herstellen eines KLEIDUNGSSTÜCKS unter derzeitigen Bedingungen wortwörtlich lebensgefährlich sein kann. Irre, oder? Trotzdem haben noch längst nicht alle relevanten Unternehmen unterzeichnet, trotzdem fehlt das Geld zur vollständigen Umsetzung aller Maßnahmen, trotzdem gibt es leider nach wie vor keine wirksamen Werkzeuge, schon bestehende Gesetze immer zu überprüfen und gegen andere Interessen durchzusetzen. Nach wie vor können viele Unternehmen von den vielfach unmenschlichen Arbeitsbedingungen profitieren und verdienen sich einige wenige auf dem Rücken der vielen eine goldene Nase. Ja, Bangladesch braucht Arbeitsplätze, ja, eine Beschäftigung als Näherin kann für Frauen emanzipierend sein und ihnen helfen, sich und andere zu ernähren – aber kein Mensch verdient, unter inhumanen Bedingungen für weniger Geld als zum Leben nötig täglich viel zu lange zu arbeiten. Das ist nicht Arbeit, sondern Sklaverei.

¹Wobei natürlich über „den Verbraucher“ viel spekuliert werden kann, man letztlich aber trotzdem von Individuen mit verschiedenen Beweggründen und Einzelentscheidungen spricht. Oft ist es wahrscheinlich nicht hilfreich, die Verbraucher als homogene Masse zu betrachten – zwar vereinfacht es das Sprechen darüber, hat aber mit der Realität vielleicht nicht immer so viel zu tun. Auch das wurde auf der Tagung verschiedentlich aufgegriffen.

²http://www.flinntheater.com/projekte__/articles/songs-of-the-t-shirt.html