Textilkultur: „Boro“ erobert die Welt, oder andersrum?

Textilkultur: „Boro“ erobert die Welt, oder andersrum?

Boro – seit einer Weile ein textiler Trend, zu verfolgen in Ausstellungen (Boro – The Fabric of Life), in diversen Blogs und Pinterest-Sammlungen und teuer gehandelt in Galerien.

Boro-the-Fabric-of-Life-2013-©-Domain-de-BoisbuchetBoro, gewissermaßen Recycling und Zero-Waste in Perfektion, stammt aus dem Norden der größten japanischen Insel Honshu, aus der Präfektur Aomori, die einst sehr arm, besonders in den hoch im Gebirge gelegenen Dörfern, 300 km oberhalb der Klimagrenze liegt, bis zu der sich Baumwolle kultivieren ließ. Heimische Textilien waren aus Hanf, einer Faser, die im Sommer angenehm kühlt, aber im eisigen Winter wenig Wärme zurückhielt.

„Boro“ zeigt rund 50 seltene Kleidungsstücke und Gebrauchstextilien, die zwischen 1850 und 1950 in Japan entstanden. Das Wort boro bedeutet „zusammengeflickt“ und bezeichnet hier die Indigoblau gefärbten Flickengewänder der japanischen Landbevölkerung. Kostspielige Baumwollstoffe waren der Oberschicht vorbehalten. Als abgetragene Lumpen gelangten sie preisgünstig in die Hände der Bauern, die daraus eindrucksvolle Flickenkleidung von hohem ästhetischen Reiz schufen.¹

Boro ging hervor aus großer Armut und Knappheit, und ist gleichzeitig Ausdruck von Einfallsreichtum, Kunstfertigkeit und Kreativität, ist auch materialgewordene Zeit – wieviele Stunden, Tage, Wochen in Herstellung und Erhalt flossen, ist unmöglich zu messen. Boro ist Zeichen für Verbundenheit mit dem Boden, der nährt und kleidet, den Vorfahren und ihren Kulturtechniken. Boro ist auch das Erbe von Generationen von Frauen aus den armen und ärmsten Bevölkerungsteilen, einer gewissermaßen doppelt marginalisierten Gruppe – und wird heute ausgestellt und in Auktionshäusern gehandelt.

Wenn man eine Decke betrachtet, auf der eine ganze Familie schlief und die nur einmal im Jahr gewaschen und ausgekocht (der Läuse-Nissen wegen) wurde, dann schüttelt es einen vielleicht kurz. Gleichzeitig kann man sie formal betrachten und ästhetisch hoch wertvoll finden.

Die Wiederentdeckung und Wertschätzung von Boro bedeutet für mich eine Gratwanderung. Ich bin begeistert, dass diese Textilien zahlreiche Bewunderer finden und gehöre auch dazu. Ich persönlich finde, dass diese Relikte einer vergangenen Zeit, Teil des kulturellen Erbe Japans, eine wichtige und eindrucksvolle Geschichte erzählen können. Sie sind Zeugnisse von Armut und eines beschwerlichen Lebens, das ich mir kaum vorstellen kann, und Ausdruck von Kunstfertigkeit, lebendiger Kultur und Wertschätzung dessen, was die Natur gibt, gleichzeitig Symbol für die unerbittliche Härte der Elemente.

Gleichzeitig ist die Romantisierung und Ästhetisierung von Armut äußerst problematisch, und wandelt zwischen bewundernder Verbreitung und „übergriffiger“ Aneignung von ureigenen Kulturtechniken durch die „herrschende“ Kultur.

Ebenso ist die kommerzielle Verwertung oder auch Nachahmung von Boro ein Widerspruch in sich, die meiner Meinung nach dem zugrundeliegenden Geist widerspricht und dieses Kulturgut aus seinem Kontext reißt, das dabei Gefahr läuft, seine Bedeutung zu verlieren. Boro ist heute kaum reproduzierbar, jedenfalls nicht im Sinne eines Quilts oder Strickpullovers. Die Zeit, nicht nur Stunden oder Wochen, sondern über ein, über mehrere Menschenleben, ist vielleicht die wichtigste und kostbarste „Zutat“ bei der Entstehung. Boro ist auch nicht zum Selbstzweck enstanden („l’art pour l’art“), sondern aus Notwendigkeit und praktischen Erfordernissen, aus Wenigem alles zu machen. Auch wenn ich ganz sicher bin, dass die Näherinnen und Stickerinnen mal mehr, mal weniger auch gestalterisch Gefallen an der Arbeit hatten. Die verschiedenen Exemplare zieren unterschiedlichste textile Handschriften, mancher Flicken lässt mich beim Betrachten schmunzeln, und mit kaum vorstellbarer Sorgfalt wurden auch wertvolle (weil rare) sehr feine Baumwollstrickwaren wieder und wieder geflickt, teils mit kostbaren kleinen Indigo-gefärbten Ikat-Flicken.

Andererseits kann der Blick oder die Wertschätzung von außen auch helfen, den Wert einer einst gelebten Textilkultur zu erkennen. Chuzaburo Tanaka (man merkt es am Namen, natürlich Japaner (*1933 geboren in Aomori), aber mit dem Blick eines Ethnologen), begann Objekte der Volkskunst und auch Boro-Textilien zu sammeln, die bis dahin eher verschämt als Zeichen von zu versteckender Armut betrachtet wurden, und damit zu helfen, die noch existierenden Teile zu erhalten und vor dem Vergessen zu bewahren, in einer Welt, in der sie nun ihre Funktion verloren haben.

¹Aus dem Ausstellungstext des Museum für Ostasiatische Kunst Köln, das die Ausstellung auch zeigte.

Bildnachweis: Titelbild: Foto der Autorin vom Cover des Buchs „Boro – Rags And Tatters From The Far North Of Japan“
2. Bild aus der Ausstellung http://www.boisbuchet.org/boro-the-fabric-of-life/#more-322