BILDSINN von Alisa Hager

BILDSINN von Alisa Hager

Bei der Modenshow der Kunsthochschule Berlin Weißensee 2016 im Motorwerk sind mir einige Kollektionen sehr positiv aufgefallen. Darunter die Masterkollektion „Bildsinn“ von Alisa Hager, die eine sinnliche Sensibilität transportierte. Jetzt habe ich mich mit dem Konzept der Kollektion tiefer auseinander gesetzt, da dies auf dem Laufsteg leider kaum vermittelt werden kann:

Beeindruckt hat mich beim Lesen des Konzepts die ruhige Reflexion, die hinter der Kollektion steht und in dieser auch greifbar wird. Die gesamte Arbeit ist eine philosophische, komplexe und vielschichtige Auseinandersetzung mit Mode, Bewegung, Wahrnehmung und der Trägerin. Ich möchte diese nicht durch meine Zusammenfassung verfälschen, deshalb habe ich mich entschlossen die Arbeit in Auszügen zu zitieren.

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Wie kann die Kleidung als Projektionsfläche für die Trägerin und ihre innere Bewegung gestaltet werden? Meine persönliche Herausforderung im Rahmen einer Kollektion war es ein stimmiges Gesamtbild und darin einen Raum für einen individuellen Ausdruck, basierend auf der Idee der Möglichkeit, zu schaffen. Das heißt, der Trägerin einen Moment des formenden Prozesses teil werden zu lassen. Mein Konzept der Möglichkeit lehnt sich dabei an das Verständnis von Aristoteles an, der Materie und Form in ein Verhältnis zu Möglichkeit und vollendeter Wirklichkeit setzt. Ich beziehe mich ebenso mit dem Begriff der Bewegung auf Aristoteles, der in „Über die Seele“ die Verbindung von innerer Bewegung, Körper und Raum herstellt.

Von Beginn an standen die abstrakten und paradoxen Begriffe der Bewegung und der Ruhe als Leitbegriffe im Raum. Diese galten in jedem neuen Schritt als Einführungsbegriffe und konnten mir immer wieder Orientierung geben. So zum Beispiel bei den folgenden Fragen der Umsetzung: Komposition von Farbe, Linie, Form, von Asymmetrie und Symmetrie und dem Zusammenspiel von Materialien. Ein zweites wichtiges Themenfeld für meine Herangehensweise war unsere sinnliche Wahrnehmung. Der Dialog, der zwischen unseren Sinnen selbst und der, welcher mit ihrer Umwelt geführt wird. Die Auseinandersetzung auf wissenschaftlicher Ebene hat mich für dieses Thema sensibilisiert.

Das hatte in der Praxis Einfluss auf meine Materialwahl, die Raumgestaltung zwischen Körper und Textil und hat mich hin zu dem funktionalen Gedanken der Verschließung und Öffnung geführt. Diese Funktionen stehen für mich in einem ästhetisch sinnlichen Kontext als Schutzmomente, in denen die Trägerin die Möglichkeit hat sich zu verschließen oder zu öffnen. Ich wollte in meiner Abschlusskollektion herausfinden, wie ich Kleidung entwerfe, die eine für die Sinne förderliche Erschließung des Raumes zulässt.

Dafür habe ich das Individuum, welches in der Kollektion die Trägerin darstellt, als handelndes Subjekt mit einbezogen und die Bedeutungen der Handlung, des Handlungsraumes und des bewussten An- und Auskleidens. Dabei hat sich für mich das konkrete Bild einer sinnlichen und aufgeschlossenen Trägerin ergeben. Die Arbeit an der Kollektion habe ich als intuitiven Prozess verstanden, in dem ich fortwährend abwägen musste, da ich mir kein konkretes Thema zur Zielsetzung gemacht hatte und als reine sinnbildliche Darstellung von abstrakten Begriffen verstanden habe. So habe ich in meiner Arbeitsweise selber Bezug zur Bewegung genommen. Dieses zog sich durch den Gestaltungsprozess und warf immer wieder die Frage nach dem Wie auf und nicht das Verlangen nach einem konkreten Objekt.

Meine entstandenen Einzelteile verflüchtigen sich in eine Komposition und ich verstehe sie als eine Anordnungs- und Bewegungsabfolge, in der sie übereinander und durch integrierte Funktionsmodule, zum Beispiel von Verschlüssen, aus ihrer Ursprungsform gebracht werden können.

Die Material- und Farbwahl Am Anfang meines Projekts wollte ich die Textilien ausschließlich upcyceln, dieses hätte bedeutet, keine neuen, sondern ausschließlich übrig gebliebene Materialien und Reste zu verwenden. Dieses war sehr idealistisch gedacht und ich musste nach einigen Versuchen feststellen, dass dieses ein Projekt für sich ist, da es vom Umfang weit aus mehr Arbeit und Vorbereitung bedeutet hätte. Ich habe mich aber bemüht, Materialien zu benutzen, die ich schon besitze, wie zum Beispiel eine alte Gardine, die zur bedruckten Hose wurde. Die finale Materialwahl stand sehr eng mit der Idee der Sinnlichkeit in Verbindung. Daraus ergaben sich die Fragen, welche Stoffe ein angenehmes Tragegefühl erlauben und sich dafür eignen, Kleidung als eine Art Schutz für unsere Sinne einzusetzen. Die Wahl fiel teilweise auf Seidensamt und Seide, da diese den Körper angenehm umspielen und eine Wertigkeit und Sensibilität vermitteln. Bei dem textilen Kontrast habe ich mich für Jeans und mit Pluster bedruckten Samt entschieden, da sie durch ihre Festigkeit wie eine Art Umhausung wirken, entgegen der Seide, die noch einen starken Bezug zur Umwelt zulässt. Die verwendete Wolle und der Strick bringen eine angenehme Schwere mit in die Kollektion, welche diese Materialien durch ihre Dichte bekommen und dadurch ein geborgenes Gefühl vermitteln. Bei der Farbwahl habe ich mich entschlossen auf viele neutrale Töne, wie Grau, Weiß und Nuderosé zurückzugreifen, um eine Basis zu schaffen. Dazu habe ich ein warmes Kupferrot gewählt und kühlere Blautöne. Ich habe mich nach dem Styling gegen das Grün entschieden, welches für mich als Verbindungsfarbe stand. Dabei hatte ich festgestellt, dass die angestrebten Variationsmöglichkeiten so besser funktionieren.

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Das ist für mich einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Mode und Kleidung

Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit stehen hier, zugegebenermaßen nicht im Mittelpunkt, auch wenn diese mit bedacht werden. Dennoch zeigt die Kollektion für mich beispielhaft, dass Mode sehr viel mehr ist als Kleidung. Die Designerin setzt sich tiefsinnig mit der Trägerin, Raum und Form auseinander. Sie denkt faktisch weiter als bis zur Umhüllung des weiblichen Körpers. Das ist für mich einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Mode und Kleidung: Mode verhandelt, hat eine Geschichte und einen Hintergrund. Kleidung ist halt was zum anziehen. Um es relativ plakativ auf den Punkt zu bringen.

Außerdem sieht man vielleicht einmal mehr, dass auch ein idealistisches Herangehen manchmal an der Wirklichkeit scheitert. Die Idee alle Materialien upcyceln zu wollen, sprich keine neuen Materialien einzusetzen, ist sehr lobenswert. Allerdings ist man dann in der Auswahl aus diversen Gründen sehr beschränkt und der ästhetisch-designerische Ausdruck hätte durch falsche Materialwahl geschädigt werden können.

Upcycling braucht sehr viel Zeit und eine große Auswahl an Material und absolut nicht zu unterschätzen: Es greift in die Designs aktiv ein, sprich es verändert die Gestalterische Arbeit und den Ausdruck grundlegend.

Nachhaltige Materialien und ethische Gestaltung sind und bleiben eine besondere, aber wichtige Herausforderung auf die man sich einlassen wollen muss, als Designer und als Kunde.