Konzept. Handwerk. Globalisierung. – Artists in Fashion

Konzept. Handwerk. Globalisierung.  – Artists in Fashion

Gestern Abend hat es uns, UTA und REA, in die Kunsthochschule Berlin Weißensee, unsere Alma Mater, verschlagen. Prof. Dr. Petra Leutner hielt einen Vortrag zum Thema „Artists in Fashion – Konzept. Handwerk. Globalisierung.“, den ich sehr gelungen, relevant und interessant fand. Ich hoffe, dass ich in einer kurzen Zusammenfassung dem Anspruch und der Komplexität gerecht werde.

Eine kurze Annäherung an das Thema

Die Frage „Ist das Mode oder Kunst?“ kommt seit den 90ern immer öfter auf. Viele Designer arbeiten mit künstlerischen Konzepten und präsentieren Kollektionen, die oft direkt von Museen aufgekauft werden. Teilweise werden die extremen Unikate gar nicht mehr vervielfacht. So beispielsweise Viktor&Rolf, Martin Margiela, Iris van Herpen, uvm.
Außerdem verliert das Handwerk zunehmend an Bedeutung. Iris van Herpen beispielsweise ist Sondermitglied der Chambre Syndicale de la Haute Couture, obwohl sie mit 3D-Drucken arbeitet und für diese bekannt geworden ist. Und dass, obwohl die jeweiligen Unternehmen ein Maß-Atelier mit mindestens 15 (ehemals 25) Vollzeit-Angestellten betreiben und mindestens 35 verschiedene, von Hand gearbeitete Entwürfe, welche alle Unikate sind, während der saisonalen Haute-Couture-Modenschauen in Paris der Presse präsentieren müssen.
Dazu spielen Inspiration und Globalisierung eine große Rolle. Gerade die Konzeptdesigner arbeiten von Saison zu Saison mit anderen Themen, die mal global, mal traditionell, mal politisch und mal spielerisch daherkommen. Die eigene Tradition wird ebenso verarbeitet wie andere und dass schon seit Yves Saint-Laurent.

In diesem Cluster aus Themen bewegte sich der Vortrag von Prof. Dr. Leutner:

Was ist Mode, Kunst oder Modekunst? Welche Rolle spielt die Handarbeit? Wie beeinflusst die Globalisierung dieses Geschehen und wo führt sie womöglich hin?

Mode und Kunst oder Modekunst?

Künstlerisches Vorgehen sei zunächst erklärt als spontanes, freies und kreatives Handeln, das Neues aus dem Nichts schafft. Das Konzept könne hierbei, paradoxerweise, als Leitfaden dienen, der dem Künstler oder Designer helfe, sein Werk zu erarbeiten. Gerade das Konzept bringe Mode und Kunst über das rein angewandte Arbeiten hinaus und schaffe einen Grad der Abstraktion. Es beflügle geradezu die Entwicklung von Nachahmung zu freiem Schaffen, da es Systeme und Regeln, wie sich selbst, reflektiere.
Beispielsweise sei Duchamps Pissoir namens „Fountain“ von 1917 eines der ersten Werke der Abstraktion und des „Ready-mades“. Das Urinal zeige, dass Kunst sich um Inklusion und Exklusion drehe und nicht um handwerkliches Können. Ebenso durchbreche Duchamp mit der Arbeit viele der damaligen Regeln des Kunstsystems, durch das radikale Konzept des „Ready-mades“.

Mode hingegen habe, anders als die Kunst, doch immer die Verbindung zu etwas Textilen, Körperlichen und Funktionalen. Allerdings sehe man seit den 90ern die starke Entwicklung  zum Konzeptdesign, das Systeme dekonstruiert und Mode reflektiert. Gezeigt wird seitdem Untragbares, bis hin zur kompletten Auflösung des Produktes der Mode, der Kleidung. Anfänge des künstlerischen Modedesigns mit Konzept sieht Leutner bereits im frühen 20. Jahrhundert, bei Elsa Schiaparelli mit den Trompe l’oeil Effekten. Es entwickelte sich bis hin zur Auflösung der Mode durch Bakterien, in einer Kollektion von Maison Martin Margiela.
Der Designer träte hier als Sinn stiftender Schöpfer auf. Die Modenshow, die Bilder, die Kollektion, sprich schlicht die gesamte Darstellung des Konzepts entwickle einen Bedeutungsraum. Auch Nachhaltigkeit und Slowfashion sieht Leutner interessanterweise im Bereich des Konzeptdesigns.

In der Analyse der bisherigen Entwicklung hieße das für das künstlerische Konzeptdesign:
– Konzeptmode bringt Mode näher an die Kunst heran.
– Durch das Konzept strebt die Mode nach Autonomie.
– Worte, Sprache und Zeichen gewinnen durch das Konzept an Bedeutung.
– Politik und Ideologien werden durch die Mode durchdacht und reflektiert.
– Die Mode reflektiert sich auch selbst.
– Der Designer tritt hier als Bedeutungsschaffender auf.
– Mode wird damit zur kulturellen Instanz.

Handwerk – modern oder Folkore?

Zum Thema Handwerk präsentierte Leutner zunächst eine „Robe parée“ von 1780, deren Stickereien, vom osmanischen Reich inspiriert, einen künstlerischen Entwurf zeigten. Das Kleid, das man in England, wie auch in Frankreich, auf diese Weise trug, wurde auf den Körper und Anlass passend geschneidert und gerade dieses Exemplar ist interessanterweise ein Produkt des Upcycling, bzw. Re-Designs.
Leutner fragte nun nach einem Pendant.
Solch handwerkliche Arbeiten und Anpassungen erwarte man wohl nur noch in der Haute Couture. Aber sogar diese wird zunehmend von digitalen Techniken durchsetzt. Die Ausstellung „Manus x Machina“ im Metropolitan Museum of Art in New York thematisierte eben diese Entwicklung, indem sie Handarbeiten digitalen Techniken direkt gegenüberstellte. So beispielsweise Iris van Herpen und Yves Saint Laurent.

Verliert Handarbeit also die Relevanz?

Dass könne man nicht so eindeutig sagen. Vielmehr kann sich die Haute Couture nicht mehr klar nur wegen der Handarbeit hervor tun. Es sei vielmehr ein Kontinuum mit wechselseitigem Austausch. Man müsse das Vorurteil ausräumen, dass die Maschine für den kommerziellen Massenmarkt stehe und die Handarbeit für Anspruch und das Besondere.
Das Handwerk sei immer noch sehr wichtig, könne aber ohne das Design nicht bestehen. Es würde ohne die Gestaltung provinziell. Der Designer spiele eine immer bedeutungsvollere Rolle, entferne sich aber gleichsam vom Handwerk. Design und Designprozess seien zunehmend getrennt. [Beispielsweise macht der Designer im Atelier die Zeichnungen, die dann in Italien interpretiert werden. Dort entstehen die ersten Prototypen, die dann in China produziert werden.] Es finde für den Designer eine Verlagerung auf die Konzeption und den Entwurf statt.

Allerdings betonte Leutner, dass es ganz ohne Handwerk vermutlich nie gehen wird. Gleichzeitig, so die These, entwickelte sich das Handwerk aber durch die Erfindung der Maschinen nicht weiter und konnte sich deshalb nicht modernisieren, weshalb es eben auf den Designer angewiesen sei, um modern zu interpretiert zu werden.
Handarbeit sei nunmehr oft ein Mittel etwas maschinell Produziertes mit einer Geschichte aufzuladen, die Stückzahl zu reduzieren und somit das Charisma und die Authentizität zu erhöhen. So sei ein handwerkliches Stück, mit einer guten Geschichte, ein Produkt für die wohlhabende Frau, die schon alles hat, geworden.

Zum Thema Globalisierung

Kunst und Mode seien nie rein. Es gebe in ihnen immer eine Vermischung von Einflüssen. Beide müssen sich verändern und entwickeln, um sich zu bewahren. Dieses Paradoxon dürfe man nicht vergessen. So sei die Globalisierung eine Chance neue Einflüsse und Inspirationen zu finden. Lokales müsse hierfür aber unbedingt erhalten bleiben und dann global reflektiert werden. Und eine Frage bleibe: Wie kann Design dieser Handarbeit gerecht werden, ohne das folklorische Handwerk als Dekoration zu benutzen?

Abschließend stehe für Leutner fest, dass Handwerk und Designkonzepte nur dann global bestehen, wenn sie sich überschneiden und wechselseitig inspirieren. Nur so könne man sich der Fast Fashion entgegen stellen.