Zukunft und Mode – zwischen Kreislauf und Transformation

Kreislaufwirtschaft - Transformationswirtschaft - aethic - nachhaltige Mode - grüne Mode

Wie kann eine nachhaltige Zukunft für die Mode aussehen? Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit Jahren und ich denke es gibt zwei mögliche Grundformen, die wahrscheinlich in der einen oder anderen Mischform auftreten werden. Kreislaufwirtschaft oder Transformationswirtschaft.
Hier eine Annäherung an die Thematik:

Status Quo: Ein knapper Überblick

Das kapitalistische System funktioniert auf der Grundlage von Massenkonsum, Effizienz und möglichst geringen Preisen. Kleine Margen werden dabei durch große Mengen kompensiert, um ausreichend Gewinn erwirtschaften zu können. Der Preis wird soweit als möglich gedrückt. Daraus ergibt sich eine oft geringe Qualität und das aktuelle Problem der Ausbeutung von Mensch und Umwelt, da alles was (scheinbar) eingespart werden kann auch eingespart wird. Außerdem erzwingt die Menge an Konsum eine verkürzte Gebrauchszeit beim Kunden, da das einzelne Kleidungsstück entsprechend schnell durch neue Kleidung ersetzt wird.

Grundannahme:

Ich gehe im Folgenden davon aus, dass die gesamte Wirtschaft eine Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit vollzieht, ohne dass unser jetziges Wirtschaftssystem zusammenbricht. Das heißt das Kapital muss nach wie vor in den Markt eingebracht werden, um unsere kulturellen und wirtschaftlichen Errungenschaften zu sichern.
(Einen kompletten Konsumverzicht halte ich nicht nur für nicht reizvoll, sondern auch für gefährlich, da unser System, aller Wahrscheinlichkeit nach, zusammenbrechen würde. Da ich den Status Quo, trotz seiner Entwicklungspotenziale, aber sehr schätze, lasse ich diese Theorie außen vor. Wenngleich es gekonnte Mischformen gibt.)
Inwiefern kann sich also eine Entwicklung aus dem Kapitalismus mit dem Grundsatz der Nachhaltigkeit vertragen?

Szenario 1: Kreislaufwirtschaft
Im Szenario 1 gehe ich davon aus, dass wir die kapitalistischen Strukturen akzeptieren und nach einem nachhaltigen Weg innerhalb dieser Vorgaben suchen. Das heißt:

große Mengen – kleine Margen – viel Konsum – kurze Gebrauchszeit – Ressourcen im Kreislauf

Die Lösung dieses scheinbaren Paradoxons aus konsumistischem Kapitalismus und ethischer Nachhaltigkeit kann in der Kreislaufwirtschaft liegen. Theorien eröffnen die Vision, dass Materialien 100% recycelbar sind und die Wirtschaft mit allen Produkten in einem vollkommenen Kreislauf zirkulieren kann. Wenn man also die passenden Kreisläufe herstellte, wäre es möglich ein T-Shirt aus Polyester zu tragen, das dann in den Kreislauf zurück zu geben wird, wo es wieder eingeschmolzen, neu versponnen, gewebt und genäht zu einem neuen T-Shirt wird.
In einem derart geschlossenen System, so die Theorie, kann man weiterhin in einer höheren Schlagzahl zu niedrigen Preisen konsumieren ohne jedoch Müll zu produzieren.

Diese Theorie hört sich zunächst realistisch an, da die Gesellschaft sich nicht grundlegend ändern muss. Man geht davon aus, dass Forschung und richtige Strukturen uns zu einer Kreislaufwirtschaft bringen könnten.

Probleme:
Naturfasern sind nicht 100% recycelbar. Alle natürlichen Fasern, sprich Seide, Baumwolle, Wolle und Co, sind Stapelfasern, dass heißt sie bestehen aus vielen einzelnen Fasern, die zu einem Faden versponnen werden. Wenn man ein einmal hergestelltes Produkt recyceln möchte, was durchaus möglich ist, wird das Kleidungsstück gerissen. Sprich es wird wieder zu einzelnen Fasern auseinander gerissen, hierbei brechen auch die Fasern und die Faserlängen werden kürzer, wodurch die Qualität stark abnimmt. Schon im zweiten Durchlauf wird das Kleidungsstück deshalb schneller pillen, reißen und ausleiern. Ein Kreislauf aus natürlichen Fasern ist also nicht möglich. Diese sind aber, unter bestimmten Voraussetzungen, komplett biologisch abbaubar und können kompostiert und entsprechend auf anderem Wege in den Kreislauf zurückgebracht werden. Im Falle des biologischen Abbaus bleibt aber immer noch ein Ressourcenproblem. Es gibt einfach nicht ausreichend natürliche Fasern, schon gar nicht in Bio-Qualität, um auf dieser Schlagzahl weiter zu konsumieren.

Deshalb  sind 66% der verwendeten Fasern Chemiefasern, davon 60% synthetischen Ursprungs, sprich aus Erdöl gewonnen.
Die Probleme mit Chemiefasern, vor allem den erdölbasierten, sind mannigfaltig. Zunächst das vordergründigste Problem: Wir können sie aktuell nicht gut recyceln. Die Materialien werden selten sortenrein verwendet, was die absolute Grundlage für Recycling ist. Fraglich ist entsprechend inwiefern man es schaffen kann, den Markt so umzustrukturieren, dass überall die gleichen sortenreinen Fasern verwendet werden, um einen Kreislauf zu ermöglichen. Außerdem stellt sich mir immer noch die Frage inwiefern sich Färbungen und Appreturen, sprich Veredelungen, des Materials im Recycling-Prozess auswirken.
Zudem stehen erdölbasierte Chemiefasern, wie Polyester und Polyurethan, immer noch im Verdacht massiv an der Verschmutzung der Gewässer mit Mikroplastik beteiligt zu sein, weshalb es, selbst falls wir sortenrein und sauber Plastik recyceln könnten, fraglich bleibt, ob wir unsere Zukunft auf Plastik basieren wollen. Ganz abgesehen davon, dass diese Fasern wenig gute Trageeigenschaften bieten.
offene Fragen:
Wo bleibt der ethische Aspekt? Was passiert mit den unterbezahlten ArbeiterInnen?
Wie realistisch ist es weltweit sortenrein zu arbeiten und Recycling-Kreisläufe herzustellen?
Wollen wir auch in Zukunft so viele erdölbasierte Fasern tragen?

Szenario 2: Transformationswirtschaft
Die Transformationswirtschaft ist die Theorie, dass man den aktuellen Standard halten und sogar verbessern kann, indem man auf qualitatives Wachstum setzt. Das heißt:

kleine Mengen – höhere Margen – wenig Konsum – lange Gebrauchszeit – hohe Qualität – Ressourcen im Gebrauch

Die Transformationswirtschaft sucht einen Weg innerhalb des Kapitalismus eine Vision aus qualitativem, statt quantitativem Wachstum zu suchen. Sprich die Ressourcen, die aufgewendet werden, sind hochwertig und werden auch entsprechend verarbeitet. Daraus ergibt sich ein höherer Preis und höhere Margen, sowie weniger Konsum, da pro Kleidungsstück mehr Geld ausgegeben werden muss. Allerdings bietet die bessere Qualität auch die Möglichkeit einer längeren Gebrauchszeit, guten Eigenschaften für den Träger und einer positiven Auswirkung auf die Umwelt.

In der Theorie birgt diese Transformationswirtschaft ein nahezu utopisches Zukunftsbild.

Probleme:
Diese Theorie stellt das kapitalistische Grundsystem aus großen Mengen und kleinen Margen sozusagen auf den Kopf und verlangt vom Konsumenten eine Änderung des Verhaltens und die Bereitschaft deutlich mehr Geld für ein Kleidungsstück auszugeben. Es ist tatsächlich fraglich wie realistisch diese Theorie ist. Diese Entwicklung ist massiv auf den Kunden und seine Bereitschaft und Entscheidungen angewiesen.
Vor allem gerät die Transformation in Anbetracht von CSR (Corporate Social Responsibility) ins Wanken. Inzwischen hat auf Grund von öffentlichem Druck nahezu jede größere Firma eine eigene Abteilung für „Unternehmensverantwortung“ und streicht, mit deren Hilfe, ihre soziales und ethisches Engagement heraus und (verkürzt gesagt) es trifft nicht bei allen im gleichen Maße zu. Für den Kunden ist es dadurch fast unmöglich zwischen grünen Werbeaussagen und ethischer Philosophie zu unterscheiden. Außerdem bleibt grundsätzlich die Frage offen, wie sich die kleinen, ethischen Betriebe gegen die Firmen Konglomerate durchsetzen sollen. Hier hilft bereits das ansatzweise demokratische Internet, da sich inzwischen jeder nahezu kostenfrei eine Webseite gestalten und über SocialMedia weltweit und direkt die Kunden erreichen kann.

offene Fragen:
Wie realistisch ist es, dass sich die Kunden tief gehend informieren und bereit sind deutlich mehr Geld in ein Kleidungsstück zu investieren?
Was passiert mit den Firmen die diesen Wandel nicht mitmachen, sondern auf Greenwashing setzen? Wie sollen Kunden Greenwashing von echter CSR unterscheiden?
Wollen wir wenig und teuer konsumieren? Fehlt bei weniger Konsum die Abwechslung?
Muss es für die sehr armen Menschen weiterhin günstige Massenware geben? Wohin dann mit der Masse?

Illustration: Lisa Frühbeis