Fragwürdige Trends II – Reinszenierungen der Camouflage-Mode

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Es ist ein wiederkehrender Trend: das Camouflage-Muster, ursprünglich bekannt aus der veralteten Mimikry-militärischen Uniform, schafft es regelmäßig auch auf die Leiber von Großstädtern – jedoch im Gegensatz dazu deutlich auffälliger aufgrund mangelnder urbaner Naturkulissen. Ein typisches Mittel der Mode: Aneignung, Kontextenthebung, Zweckentfremdung etablierter vestimentärer Erscheinungen.

So auch in diesem Fall, der jüngst erneut zum Kassenschlager erhoben wurde. Das in den letzten Monaten massige Ausstattungsangebot an allerlei Tarnfarben und -mustern, gerne in neu-definierten Formen und abgewandelten Tonalitäten, gibt Anlass zur Spekulation, welche Bedeutung sich hinter dem Trend-Phänomen ‚Camouflage‘ verbirgt.

Da muss doch mehr sein als die profit-strategische Bedürfniserweckung seitens großer Marken, die mit sofortiger temporärer Befriedigung ihrer nach dem neuesten Schrei lechzenden Armeen williger Anhänger einher geht. Mehr als Langeweile. Und überhaupt, ist es nicht paradox, dass wir uns freiwillig in die Kluft des Krieges hüllen?

Was also mag in diesem Kontext eine Mode bedeuten, deren Stoff das Muster der modernen Kriege materialisiert, während er die schmutzgrünen Flecken kokett enttarnt und ihre Schutzambition ins Exhibitionistische ästhetischen Spektakels verkehrt? (Hanne Loreck)¹

Ich schließe als Motiv eine Sehnsucht nach Mord und Totschlag aus, genauso wie ein einverleibtes Gefühl von Heldentum in Erinnerung an gefallene Soldaten… Es muss genau die ambivalente Umkehrung der Verhältnisse sein, die Menschen zur Camouflage-Mode verlockt – auf das Spannungs-Schlachtfeld der Symbole, Traditionen und Kulturen unserer Gesellschaft.

Was allerdings in den 60ern und 70ern als pazifistisches Aufbegehren zu verstehen war, wenn man ausgediente Militärparka auf der Straße trug, was sich mit dem Kaufen und Tragen von olivgrünen Second-Hand-Jacken und -Hosen fortsetzt, wirkt heute auf mich grotesk-kontrovers in Anbetracht der seit vielleicht zwanzig Jahren andauernden Präsenz solcher industriell produzierten Reminiszenzen, die faktisch alles andere als Überreste sind. Vielmehr handelt es sich hier wohl um die Kopie der Kopie (der Kopie), deren ursprüngliche Daseinsberechtigung sich mit jedem Replikat mehr in Bedeutungslosigkeit auflöst. Trotz aller Bemühungen, das Camouflage-Muster stets in neuer Fasson wiederzubeleben, kann es sich hier doch nur um oberflächliche Erscheinungen handeln? Und darüber hinaus „wirkt die derzeitige Allgegenwart der Camouflage wie eine Art aggressiven Einverständnisses mit dem gesellschaftlichen Apparat und seinen autoritären bis gewaltsamen Methoden“ – um es mit den Worten von Hanne Loreck zu sagen, die sich schon vor zehn Jahren im Rahmen der Publikation ‚MODE KÖRPER KULT‘ mit diesem Thema beschäftigte. Sie erklärt sich den Reiz, der vom klassischen Camouflage-Muster ausgeht, folgendermaßen:

Konservieren die Tarnflecken heute die relative Nähe, innerhalb derer das Muster ursprünglich Deckung versprach, so spielen sie zudem auf ein Terrain an, das ländlich und nicht städtisch konnotiert ist: Das derzeit in der Mode am häufigsten verwendete Design heißt Woodland – worin sich mehr Wunsch als Waffe formuliert. Denn selbst dieses ein Naturumfeld suggerierende, in Wald und Wiese erprobte Unterbrechungsmuster sieht seit gut zehn Jahren anders aus: 1995 wurde es erstmalig in Kanada, seit 2002 auch in den USA computergeneriert, so dass die Umrisslinien der bislang organisch anmutenden Flecken in Pixel aufgelöst die elektronische Textur optischen Flirrens ergeben. Seit 1994, zeitlich also etwa parallel zum inflationären Modeeinsatz der Tarnsignale, testen die USA eine Stadtversion militärischer Camouflage. Sie basiert auf Inseln von rechtwinklig zueinander stehenden Balken in Grautönen und hat sich in jeder Hinsicht von der Simulation beispielsweise eines Blätterdickichts entfernt.

 

„Neues von der Fashion-Front. Der Military Chic ist wieder mega-angesagt. STYLEBOP.com zeigt Ihnen die Tarnfarben-Highlights der Saison.“, Screenshot von stylebop.com am 06.02.17

 

Die Mode agiert hier trotz aller neuesten technologischen Entwicklungen seitens des Militärs und in Sache des urbanen Zeitgeists also eher nostalgisch-rückläufig. Auch wenn sie das klassische Tarnmuster gekonnt in neuen Farben und Skalierungen ausspuckt, orientiert es sich noch an der Optik eines Blätterwerks. Dabei hätte längst ein Designer auf die Idee kommen können, eine entsprechende ‚funktionale‘ Optik für die Stadtkulisse zu erfinden… Bei diesem flüchtigen Gedanken wird mir ganz anders zumute; denn in der Tat fehlt es der Zivilbevölkerung, die in einigen Teilen der Welt leider bombardiert und in Beschuss genommen wird, an Schutz. Allerdings brauchen diese Menschen sicherlich etwas anderes als Kleidung, mit der sie unscheinbar ‚in Deckung‘ gehen können…

Was sich nun diejenigen dabei denken, die sich heutzutage in Camo-anmutende Klamotten werfen, bleibt offen. Ein Trend ist ein Trend, dem man als Individuum in der Masse folgt. Was für ein kollektives Bewusstsein vereint sie wohl? Welcher Gruppierung gehören sie da an?

Zusammen mit seiner optischen Aufgabe, das Figur-Grund-Verhältnis zu chaotisieren, dereguliert das Tarnmuster auch das Hierarchisch-Disziplinarische des Militärs und tauscht es ein gegen eine gewisse, vielleicht sogar demokratisch lesbare, Uniformität. (…) In der Mode wird dieser Mangel an Repräsentativität und Organisation, der übrigens vor etwa einem Jahrhundert ausschlaggebend gegen die Einführung der Deckungsoptik beim Heer gesprochen hatte, kompensiert: Hier rangiert das Label an der Stelle der Rangabzeichen – und garantiert zumindest das Regiment des Kapitals. (Hanne Loreck)¹

Wenn eine der größten Konsumindustrien und besonders ihr Luxussektor „die Angst vor und die Lust am Krieg als visuellen Alltag gestalten“¹, dann ist das eigentlich schlichtweg pervers, vielleicht aber auch ein Zeichen der Auseinandersetzung mit der ständigen Auf- und Abrüstung zwischen den Nationen der Welt – und dann trug das muslimische Mädchen, das ich vor nicht allzu langer Zeit in der U-Bahn mit Verwirrung ansah, vielleicht nicht völlig grundlos ein Kopftuch mit besagtem Muster.

Camouflage ist mehr als nur Krieg und Trend – es ist Kunst. Dieser Überzeugung ist Designer und Herausgeber des Buches ‚DPM – Disruptive Pattern Material. An Encyclopedia of Camouflage: Nature, Military and Culture‘ – Hardy Blechman.

Make peace & art, not war.

 

¹ Hanne Loreck, Entwaffnend? Spekulationen zur Camouflage-Mode, in: FASHION BODY CULT / MODE KÖRPER KULT, Hrsg. Elke Bippus & Dorothea Mink, Arnoldsche Art Publishers, 2007

Illustration: Maria Koch