EcoSessions: Mode X Handwerkskunst

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Am Montag tummelten sich gleich UTA, REA und ELF auf einer Diskussionsrunde im schönen Kreuzberger Folkdays-Laden. Die Eco Sessions, präsentiert von Kate Black, Marte Hentschel von Sourcebook und Max Gilgenmann, Technischer Direktor der Messen Ethical Fashion Show und Green Showroom luden ein unter dem Titel „Mode X Handwerkskunst“, und versammelten auf dem Panel Inez Bjørg David vom Onlinestore Miwai, Lisa Jaspers, Gründerin von Folkdays und Anna Schunck von Viertel Vor als Moderatorin.

Ein gelungener offizieller Auftakt für den Berliner Ableger der Eventreihe

Viele interessante Punkte wurden thematisiert, einzig mehr Zeit für Publikumsfragen hätte ich mir vielleicht noch gewünscht. Aber anschließend ging es weiter, beim Bestaunen der schönen und fairen Objekte im Laden gab es viele Gespräche zwischen den Anwesenden, denn auch im Publikum waren viele interessante Köpfe. Hier meine Zusammenfassung, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder chronologische Richtigkeit…

Zum Einstieg ging es erstmal noch nicht ums Handwerk, sondern noch mehr um Grundsätzliches, nämlich die Frage, wie man Nachhaltigkeit (in der Mode) definieren könne. Für Inez das allerwichtigste Kriterium: Fairness, ein Umgang, der auf Respekt beruht. Dafür sieht sie Labels in der Verantwortung, entsprechend zu wirtschaften, und den Handel, unter diesem Aspekt auch das Angebot zu kuratieren. Uns allen diagnostizierte sie „selektive Empathie“ – die man kritisieren mag, aber auch ein Selbstschutz ist. Selbst interessierte, bewusste Menschen gelangen an ihre (seelischen) Grenzen beim Mit-Fühlen all dessen, was auf dieser inzwischen so unheimlich vernetzten Welt passiert.

Concept-Stores, online oder stationär, können wichtige Hürden senken, es schlicht einfach machen, das „Richtige“ zu kaufen.

Dazu gehört viel Kommunikation: Das Besondere an nachhaltig und vor allem auch handwerklich produzierten Waren in den Vordergrund stellen, ihre Geschichten erzählen. Story-Telling weckt das Interesse der KundInnen und hilft auch, die Preise zu erklären – denn machen wir uns nichts vor, das ist für die allermeisten doch ein ganz entscheidender Punkt. Dem Lippenbekenntnis zu bio und fair folgen nur teilweise auch Taten. Und: was im konventionellen Handel ein Makel ist, nämlich Abweichung, Eigenheiten, schlicht der Charakter handwerklicher Produkte, kann sich so ganz schnell zum absoluten Alleinstellungsmerkmal entwickeln.

Das ist auch die Aufforderung an Labels: nicht versuchen, es dem Fast-Fashion-Mainstream gleich zu machen, sowohl in Preisfragen als auch in den Kollektionen, sondern eine starke eigene Identität aufbauen, weniger trendaffin, und mit besonderen, anspruchsvolleren Teilen zu punkten, hochwertige Materialien und Techniken einzusetzen, bei denen insgesamt das Verständnis für den höheren Preis größer ist.

v.l.n.r.: Anna, Inez, Kate und Lisa

v.l.n.r.: Anna, Inez, Kate und Lisa

Lisa, die inzwischen für Folkdays Mode- und Interiorartikel von verschiedenen Produzenten auf der ganzen Welt fertigen lässt, hat ihren Hintergrund in der Entwicklungshilfe und Armutsbekämpfung, Erfahrungen sowohl bei NGO’s wie auch staatlichen Akteuren gesammelt. Das brachte eine spannende weitere Perspektive in die Diskussion.

Folkdays entstand gezielt, um dorthin Kapital zu bringen, wo es die größte Wirkung entfalten kann – in den ärmsten Regionen des globalen Südens, in denen Möglichkeiten ein Einkommen zu generieren oft fehlen. Diese Regionen prägt häufig ein lebendiges Handwerk, das aber im Zuge von Landflucht vielerorts in Gefahr ist, zu verschwinden. Das Unternehmen arbeitet hier auf Augenhöhe mit den Produzenten zusammen: beide Parteien sind aufeinander angewiesen und wachsen im Idealfall aneinander. Produzenten (die auf Folkdays.de auch vorgestellt werden), sind nicht bloß Anweisungs- oder gar Almosenempfänger, sondern geschätzte Akteure.

Dabei praktiziert Folkdays, was auch Inez propagiert, ein Design, das die vor Ort vorhandenen Materialien und Fähigkeiten von Anfang an miteinbezieht. Damit ist ein wichtiges Stichwort gefallen:

Wir brauchen holistisches Design und systemisches Denken für eine nachhaltige Mode- und Handwerkskultur.

Lisa merkte dazu an, dass die Art und Weise, in der Design in Deutschland gelehrt und oft praktiziert wird, dem im Wege steht: Zu sehr stehe dann die Verwandtschaft zur Kunst im Vordergrund, Design werde oft vor allem Werkzeug der Selbstentfaltung und Möglichkeit, eine (ästhetische) Vision umzusetzen, verstanden.

Geht man mit dieser Design-Denke in ferne Regionen, wegen der dort lebendigen Handwerkskunst (und vergleichsweise billigen Arbeitskraft) oder gezielt um eine Fair-Trade-Produktion aufzuziehen, gibt es kaum die Chance zum Dialog auf Augenhöhe. Kolonialistische Strukturen werden gewissermaßen reproduziert, und die Möglichkeit, für alle Beteiligten und auch für das Endergebnis das Beste herauszuholen, verschenkt, außerdem verbirgt sich dort ein hohes Frustrationspotenzial für alle Seiten.

Lisa ist es auch, die schließlich die Verantwortung der Politik anspricht: Menschenrechte sind in Deutschland geschützt, Unternehmen müssen sie wahren – warum sollte dies nicht für deutsche Unternehmen gelten, die im Ausland aktiv sind? Noch eine weitere Initiative fällt mir dazu ein – warum nicht den verringerten Mehrwertsteuersatz, wie er schon jetzt für Lebensmittel, aber auch einige andere weitaus weniger essentielle Waren gilt, auf nachhaltig Produziertes ausweiten?

Fast alle Anwesenden sind sich wohl einig, dass auch mit Story-Telling nie alle, vielleicht nicht mal die Mehrheit der Menschen für dieses Thema so zu aktivieren sind, dass auch nur noch wenig aber dafür nachhaltig gekauft wird – und an der Stelle werden politische Lösungen enorm wichtig. Ja, jeder Kauf ist eine Abstimmung mit der Geldbörse, aber dann gibt es ja auch noch die anderen Wahlen… Ein weitere Feststellung:

Es fehlt massiv an funktionierenden, nachhaltigen Fördermöglichkeiten für faire Mode-Unternehmen.

Marte erinnert daran, dass Berlin nun eine grüne Wirtschaftssenatorin hat, also vielleicht gibt es zumindest für Berlin an der Stelle bald Neuigkeiten.

Eine wichtige Frage stellte eine Schnittmacherin aus dem Publikum: Müssen wir in Deutschland anfangen, nachhaltiger und lokaler zu produzieren, schon allein um uns selbst zu beschäftigen? Denn sie findet auch mit langer Berufserfahrung keine Stellen mehr. Marte sprach das Phänomen an, dass inzwischen handwerkliche oder manufakturelle Produktion oft mit einem direkten Vertrieb einhergeht – der klassische Mittler Handel wird übersprungen, womit eine größere Marge für die HerstellerInnen bleibt. Auch da kann man sich fragen, wenn das eine wichtige Entwicklung im nachhaltigen Bereich ist, was mit dem inhabergeführten und verantwortungsbewusst kuratierten Handel passiert.

Was genau Handwerkskunst und Handwerk bedeutet, darum ging es auch kurz, und das wäre wahrscheinlich ein Thema für einen weiteren Abend… Denn auch im digitalen Zeitalter gilt, dass auch in industrieller Produktion bei Bekleidung noch unheimlich viele Schritte händisch erledigt werden, von Menschen, nicht Maschinen. Aber so richtig im Bewusstsein ist das vielen nicht. Dazu passt Lisas Einwurf:

„Only the rich can afford cheap stuff.“

…oder auch „Wer billig kauft, kauft zweimal“. Ich denke, uns (als Gesellschaft) fehlt viel Wissen über die Dinge, die uns umgeben. Wie und woraus sie entstehen zum Beispiel. Und ja, wir brauchen Kommunikation, Story-Telling, auch schöne Bilder – aber ich glaube, wir müssen noch früher ansetzen, denn ohne ein gewisses Know-how fehlt einfach der Kontext, sie einzuordnen. Es reicht nicht, erst Erwachsene damit zu konfrontieren, und ich klinge möglicherweise wie meine eigene Großmutter, aber: „materielle“ Bildung gehört schon viel früher dazu, nämlich in die Schule. Vielleicht können wir damit der Entfremdung zwischen uns und den Menschen, die unsere Produkte herstellen, verringern.

Ganz besonderer Dank gilt viertel-vor.com und Marcus Werner, dessen Fotos wir benutzen dürfen!

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