Was bedeutet ‚Nachhaltige Mode‘ – Widerspruch oder Zugeständnis?

Was bedeutet ‚Nachhaltige Mode‘ – Widerspruch oder Zugeständnis?

Was meinen wir eigentlich, wenn wir von ’nachhaltiger Mode‘ sprechen?
– Ist das nicht ein Widerspruch an sich? – fragen sich viele.

 

 

Es ist schnell gesagt: Ich kaufe / verkaufe nur ’nachhaltige Mode‘.
Wir von AETHIC – und mittlerweile viele andere auch – schreiben über ’nachhaltige Mode‘.
Die grüne Modeszene etabliert sich nicht nur in Berlin zusehends und mit ihr der Begriff von einer ’nachhaltigen Mode‘. Doch: Was stellt man sich darunter genau vor und – eine berechtige Frage wie ich finde – kann ‚Mode‘ überhaupt nachhaltig sein? Ist der Begriff zu Recht verunglimpft worden?

Dazu wären erstmal die Definitionen beider Teile dieses Wortgefüges zu beschreiben.

Google versteht unter ‚Mode‘:

  1. Kleidung, die dem aktuellen Zeitgeschmack entspricht.
  2. all das, was zu einer bestimmten Zeit gerade üblich und beliebt ist.

Es geht hier um Aktuelles aus einer bestimmten Zeit, das großen gesellschaftlichen Zuspruch erfährt. Modische Bekleidung ist demnach:

  1. gegenwärtig existierend und vorhanden.
  2. zeitgemäß und modern.

Das heißt wir sprechen hier von einem Moment, einem Ist-Zustand, der sich jederzeit ändern kann, an den Grenzen von Vergangenheit und Zukunft. Mode ist also nichts Beständiges. Nichts, das fortwährend existiert, sondern im steten Wandel begriffen ist.

Dazu gesellt sich nun das Adjektiv ’nachhaltig‘ – und man wird doch recht schnell bemerken, dass es sich hierbei um etwas handeln muss, dass ’sich hält‘ auch ’nach‘ einem bestimmten Vorfall – über einen Moment hinaus – nachhaltend. Und zwar in Gegenüberstellung zu dem, was ‚Mode‘ zu sein meint.

Das klingt erstmal absurd. Und wahrscheinlich ist es das auch. Da könnte man sich etwas differenzierter ausdrücken.

Google beschreibt Nachhaltigkeit als ein Schlagwort im Rahmen von Konzepten, …:

  1. die gegen den weiteren Raubbau an natürlichen Ressourcen (insbesondere fossiler Energieträger wie Öl) gerichtet sind und die umfassende Energie-Einsparmaßnahmen vorsehen sowie eine effektive Nutzung erneuerbarer Energieen anstreben, z. B. im Bereich des energiesparenden Bauens.
  2. mit denen (in Verbindung vor allem auch mit ökologischen Aspekten) die Überwindung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten (z. B. Generationengerechtigkeit) sowie eine stärkere Teilhabe aller Beteiligten an gesellschaftlichen Prozessen angestrebt wird.

Es handelt sich dabei also um ein Handlungsprinzip, das heutzutage – laut Wikipedia laut Duden – auf dreierlei Weise aufgefasst werden kann als:

  1. die ursprüngliche Bedeutung einer „längere Zeit anhaltende[n] Wirkung“
  2. die besondere forstwissenschaftliche Bedeutung als „forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann“
  3. die moderne, umfassende Bedeutung im Sinne eines „Prinzip[s], nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann“

 

Das Phänomen ‚Mode‘ im Sinne einer kulturellen Handlungs- und Bekleidungspraxis kann demnach nicht nach 1. als ‚andauernd‘ verstanden werden. Da sie per se keine lang anhaltende Wirkung im Allgemeinen für sich beansprucht, gibt es immerhin theoretische wie praktische Wege, sie nach 3., trotz ihrer kurzen Lebensphasen, möglichst verantwortungsbewusst und im Einklang mit den zur Verfügung stehenden Mitteln herzustellen und dabei darauf zu achten, dass sich die verwendeten Ressourcen erneuern können. Ja, Mode kann auf jeden Fall strategisch ’nachhaltiger‘ hergestellt werden als in jüngster Vergangenheit. Das beweisen viele neue Labels, Designer und umdenkende Konsumenten.

Da die grüne Szene bisher noch eine Spartenposition besetzt, ist allerdings schwer zu sagen, ob ihre Maßnahmen – die verbesserten sozialen und ökologischen Standards von Design bis hin zu jedem Fertigungsschritt – tatsächlich radikal genug sind, um den weltweit weiter ansteigenden Konsum mit der Natur im Gleichgewicht zu halten. Ob die Mode allein durch umstrukturierte Abläufe – auf die weltweite Masse der (modebegeisterten) Menschen gerechnet – letztlich ausreichend Balance finden könnte, selbst wenn sich das Prinzip strenger Nachhaltigkeit durchsetzen würde, bleibt offen. Ob sie wirklich nie mehr Rohstoffe verbrauchen würde als nachwachsen können, dürften wahrscheinlich nicht einmal Systemwissenschaftler in der Lage sein konkret festzulegen.

Es ist nicht daran zu denken, dass die Produktion von ’nachhaltiger Mode‘ die Welt rettet, wie manche falsch interpretieren. Ganz im Gegenteil. Das könnte nur der absolute Konsumverzicht garantieren in Zeiten des Bevölkerungswachstums, der Globalisierung und angesichts vieler unüberschaubarer Parallelprozesse. Jede Handlung greift in die Umwelt ein. Und im Moment greifen wir zu weit und auf zu zerstörerische Weise ein, wie wir wissen. Vielmehr bezeichnet ’nachhaltige Mode‘ also alle Versuche und Anstrengungen hin zu einer ’nachhaltigeren‘ Bekleidungsindustrie.

Ich vermute, ohne die Werte des Slow Fashion Prinzips funktioniert es nicht und geht die Rechnung der nachhaltigen Produktion nicht ganz auf. Dazu gehören Begriffe wie Entschleunigung, Wertschätzung, bewusster Konsum. Weniger ist mehr.

Weniger Mode wiederum schafft die Bedeutung von Mode ab und damit ihre Freizügigkeit, ihre ungebändigte Lust nach dem Neuem. Oder müssen wir den Begriff ‚Mode‘ im 21. Jahrhundert einfach neu definieren? Man muss doch nicht jeden Trend mitmachen, um ‚modisch‘ gekleidet zu sein? Wir leben doch in einer pluralistischen Gesellschaft – in Koexistenz verschiedener Interessen, Lebensstile und Geschmäcker in Sachen Anziehsachen? Manche Moden werden immer auf’s Neue wiederbelebt. Kaum sind sie ‚out‘, sind sie wieder ‚in‘. Die Grenzen verschwimmen – aus unmodisch wird wieder modisch. Die Moden wechseln sich immer schneller und häufiger ab. Wer seinen Stil gefunden hat, ist auch außerhalb des Wandels immer gut angezogen – mal mehr, mal weniger modisch – hier und da fügt man im Laufe der Zeit ein neues Attribut in seine Garderobe ein. Vielleicht trifft es ’nachhaltiger Stil‘ besser. Das Neue, das die Mode ausmacht, zeigt sich viel deutlicher, betrachtet man den Wandel rückläufig und in größeren Zeitabschnitten. Dann stellt sich heraus, welche Mode wirklich Bestand hat und getragen wird. Dann dehnt sich Aktualität aus. Denn manchmal ist der Hype größer als der Realität entspricht.

Vielleicht sollten wir der Mode mehr zugestehen. Vielleicht ist ’nachhaltige Mode‘ nicht nur nachhaltiger hergestellt, sondern lässt auch nicht alles mit sich machen. Akzeptiert nur das, was Sinn macht, was sich durchsetzt – über den flüchtigsten Moment hinaus. Sie greift Neues auf, aktuelle Tendenzen, aber kann sich auch erheben. Kann einen längeren Atem haben als man ihr manchmal zutraut. Wandelt sich, entwickelt sich, wie sich alles um uns und in uns auch verändert, aber bleibt stilvoll und reflektiert. Vielleicht trägt ihre böse Schwester einen anderen Namen – z.B. Mödchen. Effektlose Mödchen, über die keiner lange spricht.

So vielschichtig wir sie analysieren und definieren können, bleibt die einzige stabile Konstante paradoxerweise die Instabitlität und Unberechenbarkeit der Mode. Vielleicht schaffen wir sie aber auch einmal wieder ab, so wie sie einst vor erst 400 Jahren geschaffen wurde.

Die Mode (…) ist ein typisch modernes Phänomen und sie bezeugt den problematischeren und vielleicht grundlegenden Aspekt der gesamten Modernität: die Fähigkeit, sich in der Kontingenz zu bewegen, ohne sie zu negieren, aber trotzdem in der Lage zu sein, eine Orientierung zu bewahren.

(…) Solange die Beständigkeit als Bezug galt, wie in den ‚traditionellen Gesellschaften‘, musste das Neue als Abweichung und Störung erscheinen. (…) Für das gesamte Mittelalter war ’neu‘ gleichbedeutend mit ’negativ‘ oder ‚korrupt‘, es wurde befürchtet und ausgeschlossen. In der modernen Gesellschaft, wie wir heute sehr gut wissen und wie die Mode zeigt, ist die Bewertung des Neuen das Gegenteil davon. Die Neuheit wird nicht nur akzeptiert, sondern als Bedingung des Gefallens gesucht.

(…) Durch Kleider wollen wir nicht, oder nicht primär, die Notwendigkeit der Hierarchie behaupten, sondern die Kontingenz unserer Individualität ausdrücken – also uns selbst. (Elena Esposito)¹

Um auf die eingangs formulierte Frage zurück zu kommen, ob Mode nachhaltig sein kann, lautet meine Antwort nun: Ja, kann sie, wenn sie will. Zumindest verstehen Modedesigner ihren Beruf genau so, wenn sie sich der Nachaltigkeit verschreiben. Sie gestalten Produkte, die langlebiger angelegt sind und trotzdem dem Zeitgeist entspringen. Trotzdem ein wenig Ausgefallenheit für sich beanspruchen. Oder nennt sie faire oder ethische Mode, wenn ihr es genau nehmt – nach bestem Gewissen gestaltet und produziert.

Ganz ohne Mode wird es erstmal nicht gehen, das ist utopisch. Wandel und Modernität werden uns als Gesellschaft weiterhin begleiten. Die Zukunft wird zeigen wohin wir streben. Vielleicht schaffen wir tatsächlich Kreisläufe, die weniger Schaden anrichten. Vielleicht schaffen wir aber auch unsere Körper ab. We will see.

 

¹Elena Esposito, Die Imitation der Originalität in der Mode, in: FASHION BODY CULT / MODE KÖRPER KULT, Hrsg. Elke Bippus & Dorothea Mink, Arnoldsche Art Publishers, 2007