Wie kleiden wir uns in der Zukunft?

Wie kleiden wir uns in der Zukunft?

„Wie könnte Mode in Verbindung mit dem technologischen Fortschritt in der Zukunft einmal aussehen?“ – Eine Anekdote.

Vor nunmehr drei Jahren war ich bei der Fashiontech in Berlin – eine Veranstaltung rund um die Frage, wie die Zukunft aussehen wird und wie man Mode und Technik verbinden kann. Die Veranstaltung nahm einen sehr charmanten Auftakt mit einem Redner, der über den großen Stellenwert von Handys sprach, aber zugleich unterstrich, dass es kritisch zu sehen sei, dass wir ständig aufs Handy starrten. Wir seien fast schon abhängig von dem kleinen Taschencomputer und er fragte sich, ob dass wirklich eine gute Entwicklung sei. Seine Fachgruppe forschte daran, wie man diese moderne Technik mit Kleidung verbinden könnte, aber immer mit der ethischen Überlegung im Hinterkopf.  Die Frage, ob wir uns etwas von dem Gerät emanzipieren sollten, ließ er am Ende offen im Raum stehen.
Danach kam ein Manager/CEO/besonders-hohes-Tier von Google auf die Bühne und schmunzelte. Handys seien schon längst überholt, sie arbeiteten bereits an Kontaktlinsen, damit man gar nicht erst extra aufs Handy schauen müsse, sondern die ganze Wahrnehmung der Realität „smart augmented“ wäre.

Zwei Gedanken:
1. Wie bezeichnend, dass sich die Einen noch mit den Risiken und Chancen der aktuellen Technologie auseinandersetzen, während die Anderen schon das gesamte Konzept der menschlichen Wahrnehmung über den Haufen werfen. Während die einen Überlegen, ob es sinnvoll sei einen MP3-Player in einer Jacke einzuarbeiten erdenken die Anderen einen Eingriff in den Körper, der Realität und ihre Wahrnehmung grundlegend ändern wird.
2. Was hieße es für unsere Zukunft und besonders für die Mode, wenn diese Kontaktlinsen kämen? Zwar werden sie wahrscheinlich nicht innerhalb der nächsten zehn Jahre auf den Markt kommen, die Bauchlandung der Google-Glasses hat dass gezeigt, aber dennoch werden wir uns vor der Entwicklung, denke ich, nicht verschließen können.

Trends  –  Augmented Reality, Sharing und Social Media

Neben der sogenannten Augmented Reality gibt es noch den Trend, dass Besitz als Statussymbol eine immer geringere Rolle spielt. Es gibt innovative Konzepte, die ermöglichen Konsumgüter, wie Kleidung und Autos, zu teilen – Sharing.
Gleichzeitig kommuniziert sich Geschmack, Individualität und Authentizität zunehmend über Bilder. Instagram, Snapchat und Pinterest bieten Fläche die eigene Person zu inszenieren und zu definieren. In diesen Bilderwelten geht es nicht mehr zwangsläufig um den Besitz von Konsumgütern, sondern darum sich mit den aktuellen Trends, mehr oder weniger individuell zugeschnitten, in Verbindung zu setzen. Die Bildermengen, die in digitalen Netzwerken entstehen, erzwingen scheinbar eine Kurzzeitigkeit. Als Teil dessen braucht das Individuum immer neues Bildmaterial. Aktuell ist diese Darstellung noch mit dem Konsum neue Güter verknüpft. Konsum, von Bekleidung im Speziellen, nimmt in dieser Entwicklung zu und wird sehr kurzweilig. Die tatsächliche Qualität der Kleidungsstücke, die Haptik und Materialität, die Produktion und die Langlebigkeit treten in den Hintergrund, denn sie sind für das Bild unwichtig. Kurz: Das manifestierte Produkt der Mode – die Kleidung – wird unwichtiger.

Was hieße es aber diese drei Entwicklungen aus Sharing, Augmented Reality und die Entwicklung der Mode im Social Media zusammen zu bringen?

Nehmen wir einmal an, dass wir alle die Kontaktlinsen tragen. Nehmen wir an, dass die Kontaktlinsen unsere Sicht auf die Realität beeinflussen. Nehmen wir an, dass sich Mode über Bilder und kuratierte Auswahl derer kommuniziert, kurzweilig ist und die tatsächliche Kleidung in den Hintergrund tritt. Nehmen wir an, dass Besitz unwichtig ist.
Nehmen wir an, dass alle Menschen einfache, enge Anzüge tragen, jeden Tag die Gleichen. Nehmen wir an, dass sie sich jeden Morgen ein virtuelles Outfit zusammen stellen, dass den anderen Kontaktlinsenträgern übermittelt wird. Nehmen wir also an, dass Mode gar nicht mehr produziert werden muss, sondern virtuell gestaltet und dann über die Augmented Reality auf unseren Körper projiziert wird.

Nehmen wir an, dass Bekleidungsmode ohne Bekleidung auskommt und nur virtuell gestaltet und projiziert wird.

Nehmen wir dann auch an, dass es keine Ausbeutung von Menschen und Ressourcen mehr gibt? Nehmen wir an, dass es den Näherinnen dann besser geht? Nehmen wir an, dass wir mehr Abwechslung haben?

Und was ist dann eigentlich noch Mode und Handwerk? Ist das eine Utopie oder eine Dystopie, oder beides? Und welch absurdes Schauspiel erleben dann Menschen, die sich dieser Entwicklung versperren sollten, oder ginge das nicht?

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Illustration: Maria Koch