Kann ein Hashtag unsere Konsumwelten revolutionieren?

Kann ein Hashtag unsere Konsumwelten revolutionieren?

EIN TEXT VON KIRSTEN WILMES ZUR DISKUSSIONSRUNDE IM BERLINER AGORA ROLLBERG ANLÄSSLICH DER FASHION REVOLUTION WEEK

 

Wir erinnern uns: am 24. April 2013 stürzte in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza ein. Die Katastrophe forderte mehr als 1.130 Menschenleben, viele Überlebende erlitten schwere Verletzungen, nicht wenige Näherinnen werden nie wieder arbeiten können.

Beginnend mit dem Jahrestag des Unglücks rief die britische Designerin Carry Somers die Fashion Revolution Week ins Leben. Diese wurde letzte Woche weltweit mit verschiedensten Events, Flashmobs, Diskussionen begangen. Hierzu gehörte auch eine Kampagne bei der Konsumenten aufgefordert wurden, Fotos von auf links gedrehten Kleidern, das Etikett gut lesbar, mit dem Hashtag „whomademyclothes?“ versehen, ins Netz zu stellen. Eine Erinnerung an die Intransparenz internationaler Modeketten und eine Aufforderung an Diese, mehr Klarheit zu schaffen.

 

Im Rahmen dieser besonderen Woche lud Eco Sessions Berlin unter dem Titel “Konsum Transparenz – Kann ein Hashtag unsere Konsumwelten revolutionieren?“ zu einer moderierten Diskussionsrunde ein.

 

Im Agora Rollberg, „experimental center for sustainable practices“, kam die Expertenrunde letzte Woche Freitag bei Wein und Coffee-Schorle zusammen.
Als Experten waren geladen: Alf Tobias Zahn, Betreiber des über nachhaltige Männermode berichtenden Blogs grossvartig.de, außerdem Projektleiter und Berater bei Studio Good!. Robin Balser, Gründer von DarpDecade, einer Swap-App und VinoKilo – Eventreihe bei der Second Hand Mode unter der zum Kauf anregenden Atmosphäre von leckerem Wein, netter Swing-Musik und guter Laune an Mann und Frau gebracht wird. Mona Ohlendorf, Modedesignerin (unter anderem Konzeption und Realisierung einer ökoeffektiven Linie für den in Deutschland ansässigen Textiler Trigema), Mitbegründerin der Produktionsagentur Common Works, Kreativleiterin des Fashion Future Lab und zur Zeit Leiterin der Produktentwicklung für das Greenpeace Magazin Warenhaus. Und als Rechtsexperte Konstantin Wagner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt Universität Berlin, Promovierender zur rechtlichen Verantwortung von Unternehmen für Menschenrechtsverletzungen.

 

EcoSession_Fashion Revolution Week_Berlin 2017

Nachdem sich die Interessierten auf ihren Papphockern eingerichtet hatten, legte Moderator Max Gilgenmann los. Max ist technischer Direktor und Verantwortlicher für die Nachhaltigkeitskriterien der Modemessen Greenshowroom und Ethical Fashion Show.

 

Zu der Einstiegsfrage, was Unternehmen zum Thema Transparenz heute zu leisten haben, gibt es erfreuliche Nachrichten.

 

Bis Januar 2017 gab es keine klaren Gesetze. Seit dem neuen Geschäftsjahr gibt es nun die verpflichtende Europäische CSR Reporting Richtlinie, die nur für börsennotierte Unternehmen, Firmen, die eine Bilanzsumme von mindestens 20 Millionen Euro oder Umsatzerlöse von mindestens 40 Millionen Euro, sowie mehr als 500 Mitarbeiter haben, gilt und eine vage Berichterstattung zulässt. Trotz vieler Verbesserungswünsche bezüglich der Umsetzung und Strenge (man könne sich da an England und Frankreich orientieren), sei dies eine positive Entwicklung, meint Konstantin Wagner. Die CSR (Corporate Social Resposibility) Richtlinie ist ein Rechenschaftsbericht der relevante und nützliche Informationen über Strategie, Risiken und Ergebnisse in Bezug auf Umwelt, soziale Arbeitnehmerbelange, Menschenrechte, Bekämpfung von Korruption und Bestechung öffentlich darlegt. Es wird jedoch keine inhaltliche Prüfung der Berichte vorgenommen. Es wird lediglich geprüft, ob der Bericht innerhalb der Frist von 6 Monaten nach Ende des Geschäftsjahres vorgelegt wurde. Es liegt an der Öffentlichkeit die Darlegungen zu lesen und zu bewerten. Bei Nichtwahrung der Frist muss ein Bußgeld bezahlt werden. Die Hoffnung auf einen Wandel in der Kultur der Berichterstattung ist geweckt.

Bisher haben Konsumenten kaum Chancen bei gewöhnlichen Modefirmen an Informationen über die Herstellung der Kleidungsstücke zu gelangen. Oftmals wissen die Firmen selbst nicht im Detail über die einzelnen Produktionsvorstufen Bescheid. Die Lieferketten sind äußerst komplex. Im Grunde gibt es drei Konsumentengruppen: Die Werte orientierten Kunden, diejenigen, die bereit sind für Marke oder Optik viel zu zahlen, aber denen die Hintergründe der Produktion egal sind und die, die preiswert kaufen wollen. „Die Werte orientierten Konsumenten wollen nicht unbedingt das System verstehen, sie wollen nur wissen, dass es okay ist, sich für das ausgewählte Produkt zu entscheiden“, meint Mona Ohlendorf.
Fakt ist jedoch, dass alle Gruppen gutes Design wünschen und das Einkaufen zum Event werden soll. „Der erhobene Zeigefinger funktioniert nie – Konsumieren ist ein Lifestyle“, weiß Alf Tobias Zahn.

 

Wie kann man nun also als Modemacher über die kritischen Aspekte der Herstellung aufklären, trotzdem das Produkt „sexy“ präsentieren und den Einkauf zum positiven Erlebnis werden lassen?

 

Hier setzt Robin Balzers VinoKilo Konzept an. Er veranstaltet Partys: es geht um Spaß, eine gute Zeit mit Freunden und nebenbei um den Erwerb preisgünstiger Einzelstücke, denen ein zweites Leben geschenkt wird. Robins Ansatz weicht geschickt der Negativspirale aus, in die sich Labels leicht begeben, wenn sie über die Schattenseiten der Modeindustrie aufklären wollen, um die Wichtigkeit fairer und ökologischer Mode zu untermauern. Weiter zieht er Kunden an, die zum ersten Mal auf Themen wie Nachhaltigkeit stoßen.

Auch Mona findet, Designer ökologisch – fairer Produkte sollten sich diesen Aspekt nicht zu sehr auf die Fahne schreiben, vielmehr über das coole Design punkten. Meist setze das Gewissen aus, weil man sich in das Produkt verliebt habe. Es mache Sinn, die Transparenz vom Produkt zu trennen und diese gesondert zu kommunizieren. Eine gute Kommunikationsstrategie funktioniere nur mit einem spannenden Produkt.

 

Warum sollte sich ein Kunde für ein ökologisch – faires Label entscheiden, wenn die Gründe für höhere Preise (ökologische und faire Herstellung) nicht zu laut päsentiert werden dürfen und die konventionelle Konkurrenz ebenfalls mit tollem Design besticht?

 

Fast Fashion Labels haben es einfach: „…sie können richtig geil sein, ohne überzeugen zu müssen“. Werte orientierte Labels müssen jedoch permanent Überzeugungsarbeit leisten. Unterläuft ihnen bei größter Mühe nur ein kleiner Fehler, wird ihnen dieser ewig vorgehalten. Slow Fashion Labels haben nur eine „Chance auf Realität“, wenn sie sich, was Kommunikation und Vermarktung angeht, an den Fast Fashion Labels wie Zara und H&M ein Beispiel nehmen, jedoch nicht unendlich viele verschiedene Kleidungsstücke auf den Markt schleudern wie Diese (bei Fast Fashion Labels bis zu 16 Kollektionen im Jahr), sondern hier ihren Idealen treu bleiben.

Robin ist sich sicher, dass Second Hand die Zukunft ist, gerade als nachhaltigeres aber ebenfalls günstiges Gegengewicht zum Fast Fashion Markt. Sein Konzept profitiert sogar von Diesem. Allerdings will er auch nicht nur ex-trendige Fast Fashion Stücke in zweifelhafter Qualität auf seinen Partys anbieten.

 

Also wohin mit den Massen „alter“ Kleidung?

 

Hier bringt Mona Ohlendorf „cradle to cradle“, „von der Wiege bis zur Wiege“ ins Gespräch. Ökoeffektivität ist ein Begriff, den der deutsche Chemiker und Öko-Visionär Michael Braungart und der US-amerikanische Architekt William Mc Donough in ihrem 2002 erschienenen Buch verwenden. Ökoeffektiv sind Produkte, die entweder als biologische Nährstoffe in biologische Kreisläufe zurück geführt werden können oder als „technische Nährstoffe“ kontinuierlich in technischen Kreisläufen gehalten werden. Das Prinzip lautet: Abfall ist Nahrung.

Im Lexikon der Nachhaltigkeit der Industrie und Handelskammer heißt es hierzu: „Es ist die Vision einer abfallfreien Wirtschaft, bei der Firmen keine gesundheits- und umweltschädlichen Materialien mehr verwenden.“ Es geht um: „Kompostierbare Textilien, essbare Verpackungen, reine Kunststoffe oder Metalle, die unendlich oft für denselben Zweck verwendet werden können…“.

Es gibt bereits Unternehmen, die diese Vision aktiv verfolgen. Seit 2010 lassen sich Produkte nach C2C zertifizieren. Trigema hat zum Beispiel ein nach dem cradle to cradle Prinzip kompostierbares T-Shirt entwickelt. Dieser in der Fachwelt heiß diskutierte Lösungsansatz, ist mit dem Wissen, dass ein Hashtag alleine zwar nicht unsere Konsumwelten revolutionieren kann, er jedoch für ein neues Bewusstsein steht, was sich langsam seinen Weg in die Köpfe der Konsumenten bahnt, der Lichtblick, den die Zuhörer mit nach Hause nehmen.

 

 

Text und Bilder: Kirsten Wilmes – Herzlichen Dank!