Qualität – eine neue Definition von Nachhaltigkeit

Qualität – eine neue Definition von Nachhaltigkeit

EIN TEXT VON FRIEDERIKE VON WEDEL-PARLOW WIE ERSCHIENEN IM FAIR FASHION GUIDE

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Qualität als Begriff wird grundsätzlich positiv verstanden. Er bedeutet heute so viel mehr als die Machart oder Performance eines Produkts: ökologische und soziale Qualität ist gleichbedeutend mit der Herstellungsqualität und Haltbarkeit eines Produkts. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ kann sich damit langsam verabschieden.

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„Qualität ist soziale, ökonomische und emotionale Kompetenz, es ist etwas, das mir und allen Beteiligten gut tun muss“, sagt Britta Steilmann. Als Tochter des einst größten Textilherstellers Europas, hat sie in den 1990’ger-Jahren die erste Modekollektion mit ganzheitlichem Anspruch auf den Markt gebracht. Damit hat sie damals Standards gesetzt, wie sie heute kaum mehr erreicht werden. Unter dem Leitspruch ihres Vaters: „Wir machen Mode für Millionen und nicht für Millionäre“ als Ausdruck der Demokratisierung der Mode, versuchte sie diese Qualität langfristig für alle erreichbar zu machen, nicht nur für eine kleine, feine Elite. Sie entwarf rein pflanzlich gefärbte Kollektionen und setzte auf Naturstoffe wie Seide, Leinen und Baumwolle. Ihr Ziel war, alles biologisch kompostierbar zu fertigen, auch Knöpfe und Garne. In den noch überwiegend europäischen Produktionsketten war das damals, – mit dem entschiedenen Willen einer Britta Steilmann, noch verhältnismäßig überschaubar. Der Widerstand regte sich eher aus dem Markt, der sich für etwas Neues, das durch seine pure Existenz alles Bisherige in Diskredit brachte, nicht öffnen wollte und noch nicht „soweit“ war.

Heute, in Zeiten von Fast Fashion – in Zeiten von ins Unermessliche gesteigerten Geschwindigkeiten und Massen, die mit dem natürlichen Bedarf nach Wandel in der Mode nichts mehr zu tun haben – ist die Notwendigkeit zur Einhalt noch viel brisanter. Gewinnmaximierte Bekleidung, an kurzfristigen Trends und Verkaufszahlen orientiert und preisorientiert hergestellt, ist nicht Mode im eigentlichen Sinne. Mode ist kulturschaffend, sinnstiftend und zukunftsweisend. Die Maxime der Fast Fashion dagegen ist der finanzielle Profit. Standardisierung und Prozessverkürzung der Musterentwicklung führt zu massiven Passformproblemen. Stoffe und Schnitte haben jegliche materielle wie kulturelle Qualität verloren: Ohne Wert produziert, kurz genutzt, gleich wieder entsorgt. Der Blick auf die günstigen Preisen scheint jedoch großzügig über solche Qualitätsmängel hinwegzutrösten. Wer nur Fast Fashion kauft, kann echte Qualität kaum mehr erkennen.

Qualität wird grundsätzlich positiv verstanden; Etwas Gutes, Wertiges, etwas das mit Zeit und einem gewissen Aufwand hergestellt worden ist. Beim Tragen wird dieser Aufwand wiederum mit Zeit, Wohlgefühl und Genuss beantwortet und wertgeschätzt. Natürlich gehören stabile Nähte, gut befestigte Knöpfe, eine überzeugende Performance und ein Material, das auch nach einigen Wäschen noch hält, zum allgemeinen Qualitätsverständnis. Der Begriff ist jedoch dabei sich auszuweiten. Qualität bedeutet heute auch, dass es allen und allem entlang der textilen Kette gut oder zumindest besser geht, Produkte also, die ohne Kinder- und Zwangsarbeit, bei Bezahlung gerechter Löhne und ohne schädliche Chemikalien hergestellt werden. „Wenn jeder Beteiligte des Prozesses wertgeschätzt wird, dann glaube ich, sind wir auf dem total richtigen Weg“, sagt Britta Steilmann. „Was mich zuversichtlich macht ist, dass ich glaube, dass die Zeit dafür heute reif ist und ganz viele Menschen ganz große Sehnsucht nach diesem Thema haben. Also nach was Sinnvollem, Sinnstiftendem; Dass sie darauf achten, was sie konsumieren und ihr Leben ändern.“ Qualität ist, anders als Nachhaltigkeit, kein „Nice-to-Have“, kein Zusatznutzen. Qualität ist eine Haltung, ein verinnerlichter Anspruch, ein „Set of Mind“.

Britta Steilmann ist heute als Beraterin für Bewusstseinswandel hier und in New York tätig. Sie lehrt die Menschen mit dem Herzen zu denken, da unsere Vernunft alleine nicht ausreicht, wollen wir alle Missstände auf unserem Planeten ausräumen. „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, mit der sie entstanden sind.“ sagte Albert Einstein.

 

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Text: Friederike von Wedel-Parlow – Herzlichen Dank!

Friederike von Wedel-Parlow ist selbst Modedesignerin und ehemalige Professorin der Esmod Modeschule in Berlin, an der sie den Masterstudiengang ‚Sustainable Design Strategies‘ ins Leben rief. 2016 gründete sie das Beneficial Design Institute, um die Modebranche weiterhin mit der Erforschung von Möglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung zu fördern und zu beraten. Über ihre inhaltlichen Schwerpunkte wie z.B. das Thema ‚Kreislaufwirtschaft‘, sprach sie bereits zur Ethical Fashion Week.