Begierde, Meinung & Unbeherrschtheit.

Begierde, Meinung & Unbeherrschtheit.

Um den von uns betriebenen Diskurs rund um nachhaltigen Modekonsum mal selbstkritisch in Augenschein zu nehmen, ist die ‘umgekehrte’ Frage interessant, inwiefern es dem Menschen überhaupt möglich ist, seinen ethischen Maßstäben entsprechend zu handeln. An einiger Stelle wird uns auffallen, dass es nicht immer einfach ist, bestimmte Ideen vom Leben auch in die Tat umzusetzen. Und das liegt wohl unter anderem daran, dass wir an sich zwiespältige inkonsequente Wesen sind – wie ein kurzer Einblick in die antike Philosophie erahnen lässt und ein kleines Augenzwinkern zulässt.

Ganz anders als Sokrates, der überzeugt war, dass klare Erkenntnis nicht im Gegensatz zu unserem Handeln stehen könne*, glaubte Aristoteles an das scheinbar paradoxe Prinzip unserer Unbeherrschtheit. Er erklärt in seiner Nikomachischen Ethik, dass wir Menschen zuwider unserer Überzeugungen handeln können, und somit unbeherrscht sind, wenn unsere Begierde konträr zu unserer Meinung steht.

Das bedeutet also, dass man sehr wohl „ein richtiges Urteil haben und doch ein unbeherrschtes Leben führen könne“. Es gibt dabei „einerseits die Meinung, die auf das Allgemeine geht, und andererseits die, welche das Einzelgegebene umfasst – wo bereits die Sinneswahrnehmung in ihre Rechte tritt“ und „die Begierde die Kraft hat, jedes unserer Organe zu bewegen“. Sehr schön schildert er beispielhaft das Hadern mit Süßigkeiten.

Aus eigener Erfahrung verstehe ich diesen Zusammenhang und würde hinterfragen, woher unsere Begierde rührt. Ein natürliches Verlangen unterdrücken zu wollen, empfinde ich erzwungen. Innerer Widerspruch kann nicht besonders gesund sein und doch zerreißen wir uns zu Haufe. Wann sollte man einer Begierde nachgehen? Folgt irgendwann die Erkenntnis, dass sich unsere Überzeugung nicht mit unserem Verlangen überein kommen lässt und wir willenlose Opfer natürlicher Triebkräfte sind? Ist die Meinung schwächer gegenüber dem Verlangen aufgestellt oder andersherum? Kann sich ein Verlangen nicht auch verändern, indem man nach anhaltendem Sieg darüber erfahren hat, dass es sich ohne eine bestimmte Sache zu tun, gut oder besser leben lässt? Was macht die Disziplin eines Menschen aus? …Letztendlich geht es auch darum, worüber wir im Einzelfall reden und welche Auswirkungen das jeweilige Verhalten für uns selbst und auf andere hat.

Ich sehe auf jeden Fall eine Qualität darin, dass wir die Fähigkeit besitzen unser Verhalten zu reflektieren und anzupassen, auch wenn es uns nur ansatzweise gelingen sollte bestimmte Muster zu meiden. Aristoteles behauptet hinzufügend: „Es ergibt sich weiterhin, dass aus diesem Grunde ein Tier nicht unbeherrscht sein kann: es hat nicht das Vermögen ein allgemeines Urteil zu bilden, sondern nur Eindrücke und Erinnerungsbilder von Einzeldingen.“

Die alte Erkenntnis, dass wir nicht perfekt kontrolliert sein können und somit nicht sein müssen, ist auch eine kleine Erleichterung – sind doch viele Themen schon ernst und streng genüge Kost. Was natürlich nicht heißen soll, dass wir nicht weiterhin nach einem guten Weg für uns suchen, dass wir streben und wissensbegierig sind. Denn viel zu oft ist ganz einfach Unwissenheit Grund für widersprüchliches Verhalten, wie Sokrates wohlbemerkt einlenkt.

* aus ‘Menon’ im Dialog mit Sokrates (469 – 399 BC),
verfasst von seinem Schüler Platon (427-347 BC)

Zitate aus ‘Nikomachische Ethik’ von Aristoteles (384 – 322 BC)

Illustration: Lisa Frühbeis