Das Phänomen der Eintönigen.

Das Phänomen der Eintönigen.

Am gestrigen Dienstag Abend, den 28.07.15, sah ich in der U9 eines der seltenen Exemplare Mensch, die aus der Masse der Berliner Stylevielfalt heraus stechen, weil sie von Kopf bis Fuß ausschließlich Kleidung einer (leuchtenden) Farbe tragen. In diesem Fall also von der glitzernden Haarspange, über Kapuzenjacke, T-Shirt, Hose, Strümpfe bis hin zum Turnschuh und Tragebeutel ein sattes Türkisblau, das kaum einen Ton vom anderen abwich, an einer Frau reiferen Alters. Diese kratzelte wüst in einem Kreuzworträtsel herum und blickte ab und an zielgerichtet auf – wahrscheinlich um ihre Zielstation nicht zu verpassen.
Ich las mehr oder weniger konzentriert in einem Buch, während ich kaum den Blick von ihr abwenden konnte. Jede solcher Begegnungen fasziniert mich. Der ‘eintönige’ Mensch mir gegenüber ist alles andere als langweilig, fast fremdartig – sofort rätsele ich, welche Beweggründe jemand hat, sich so auffällig zu bekleiden. Eventuell hat man gar nicht die Absicht aufzufallen, sondern ganz Mimikry in einem Moorgrün zu versumpfen, oder sich in Himmelsluft aufzulösen? Dazu bedarf es allerdings eines gleich getönten Hintergrunds…
Definitiv braucht es Entschiedenheit, die dazu führt, dass tatsächlich jedes denkbare Kleidungsstück in einem ganz bestimmten Farbton in den Kleiderschrank wandert. Ich habe außer in Schwarz überhaupt kein komplettes Outfit in exakt der gleichen Farbe zu bieten. Andere können vielleicht ein Set in Weiß oder anderen gedeckten Tönen nachweisen, was sehr elegant wirkt und einen schönen Kontrast zur Hautfarbe liefern kann. Ich gehe also einfach davon aus, dass dieser extreme Fall nicht nur einem komödiantischen Moment entspringt, sondern ganz und gar einer Verschmelzung gleicht. Mensch ist Farbe. Mensch ist seine Lieblingsfarbe? Was bedeutet ihm diese Farbe?
Es ist ungewöhnlich, weil es kaum auf der Straße zu sehen ist. Aber es ist auch nicht absonderlich. Neuere Modeerscheinungen verschwimmen immer mehr in Ton-in-Ton Darstellungen. Gemusterte Stoffe werden in einem Oben und Unten zu Ganzkörpern kombiniert.

einfarbig_issey miyake fall 15_christopher kane resort 16_edun resort 16
Issey Miyake Fall 15, Christopher Kane Resort 16, Edun Resort 16
einfarbig_stella mccartney ss 15_max mara aw 14_issey miyake ss 15
Stella McCartney SS 15, Max Mara AW 14, Issey Miyake SS 15
einfarbig_emilio pucci aw 15_edun resort 16_stella mccartney ss 15
Emilio Pucci AW 15, Edun Resort 16, Stella McCartney SS 15
einfarbig_ann demeulemeester as ss 15_rick owens aw 15
Ann Demeulemeester AW 15, SS 15, Rick Owens AW 15

Ich mutmaße jedoch, dass die Dame in Türkisblau sich nicht besonders für Modetrends interessiert. Ich gehe also von folgenden Möglichkeiten aus: 1. Sie trägt vorzugsweise und aus wohligem Gefühl ihre Lieblingsfarbe Türkisblau und an diesem Tag ereignete sich das Ereignis eines monochromen Gesamtkunstwerks / 2. Sie greift aus Verzweiflung konsequent zu der gleichen Farbe, um sich nicht mit ästhetischen Farbkombinationen beschäftigen zu müssen / 3. Sie ist farbenblind und erkennt etwas völlig anderes in dieser visuellen Sinneserfahrung von Türkisblau / 4. Sie hat sich von ihren Freundinnen etwas Blaues geliehen, um einer Mottoveranstaltung entsprechend gekleidet zu sein / 5. Sie verbindet eine tiefere spirituelle Erfahrung mit dem Tragen von Türkisblau / 6. Sie gehört einer Sekte oder ähnlichen Gemeinschaft an, die durch die Farbe ihrer Kleidung etwas über ihren Status verraten / 8. Sie will ihrer Stimmung Ausdruck verleihen und besitzt komplette Outfits in allen denkbaren Farben / 9. Sie will bewusst auffallen / 10. Sie findet sich so ganz einfach am schönsten und denkt sich nichts weiter dabei oder / 11. Sie erlaubt sich einen Spaß, Leute wie mich zu verwirren, die sich gerne mit äußeren Erscheinungen beschäftigen, deren ursprüngliche Bedeutung ihnen auch einfach egal sein könnte – besonders, weil sich vielleicht kein tieferer Sinn dahinter verbirgt.

Grundsätzlich kann man stilistisch nicht viel ‘falsch’ machen als einfarbig Bekleidete/r, wenn einem der gewählte Ganzkörperton steht und nicht allzu grell und platt daher kommt, also mit Strukturen, kleinen Muster- und Materialabweichungen, changierenden Tonalitäten oder minimalen Farbkontrasten versehen ist, die über einen gleichmäßigen Farbton verteilt erst richtig zur Geltung kommen. Es kann sogar très chic aussehen. So richtig ‘richtig’ macht man es allerdings wohl nur, wenn es sich gut anfühlt. Und wenn das ein knalliges Türkisblau am ganzen Leibe bewirkt, ist das wunderbar erfrischend zu sehen.

Wenn ich weiter spinne, lobe ich diese zufrieden stellende Konsequenz, nur einer Farbe nachzugehen, als einen nachhaltigen Ansatz von Bekleidungskonsum. Denn die Auswahl begrenzt sich automatisch und man bedarf nicht vieler Teile um ein ‘stimmiges’ Outfit zusammen zu stellen. Man spürt nicht den Drang, jeden Tag wieder ganz anders aussehen zu wollen. Man ist bei sich angekommen? …Wenn das nicht nur eine Marotte ist, die diese Dame regelmäßig dazu veranlasst, ihren kompletten Kleiderschrank kurzfristig neu einzurichten… Ich erinnere mich an viele Momente, in denen ich dachte, ‘dieses’ oder ‘jenes’ Kleidungsstück bräuchte ich noch unbedingt in einem anderen Farbton, um meiner Schwäche für die Vielfalt der Farben in Form von farblich abgestimmten persönlichen Stilkreationen Ausdruck zu verleihen.

> Wie weit aber sollte man aus Spaß an der Vielfalt, aus Freude am individuellen Ausdruck mit dem Konsum von Mode gehen? (COMING SOON)

Illustration: Maria Koch / Image source: www.style.com