Öko-Mode auf der Verkaufsfläche – der Handel spricht sich aus.

Öko-Mode auf der Verkaufsfläche – der Handel spricht sich aus.

Gestern war Dienstag, der 19.01.2016 und damit auch der erste Tag der ‘grünen’ Berliner Modemessen Greenshowroom & Ethical Fashion Show im Postbahnhof am Ostbahnhof in diesem neuen Jahr. Den Auftakt des verlockenden Programms aus Modenschauen, Vorträgen und Gesprächen, die die 3-tägige Präsenz der Aussteller nachhaltiger Mode untermauern, bildete eine Podiumsdiskussion zur Frage ‘Wie der konventionelle Modehandel Eco-Fashion in seine Sortimente integrieren kann’.

Eingeladen wurden Marc Ramelow von Ramelow – dem Mode- und Markenhaus, Karl Mayr von Fussl Modestraße, Dr. Annette Hempel vom Modehaus Hempel, Holger Wellner vom Modehaus Wellner, Frank Meyer – Fair Fashion Consultant und Linda Mohrmann von der Agentur für Fair Fashion.

Da saßen sie also an einem Tisch, die Vertreter klassischer Modekaufhäuser und deren Berater, um die Potenziale von nachhaltiger Mode im Verkauf eher weniger zu diskutieren als vielmehr aus ihrer Sicht zu schildern. Spannend daran und sofort erkenntlich wird, dass der Standpunkt hier natürlich wirtschaftlich motiviert und begründet ist. Die Mittelsmänner und -frauen wissen, was der Kunde will und haben vielfältige Erfahrungen im Umgang mit ihnen gemacht. Sie sind es auch, die den verschiedenen Herstellern eine Plattform, eine Fläche geben – wortwörtlich eine Verkaufsfläche.

So fallen gleich am Anfang der Unterhaltung erstmal Argumente für oder gegen die Integration von nachhaltigen Labels nur in Bezug auf die Interessen der Kunden. Impulsgeber seien hierbei die Medien, sagt Herr Wellner, die verstärkt ökologische und soziale Hintergründe der Modeproduktion in den Fokus rücken und vor allem die jüngere Generation damit erreichen. Zwar will man “die Kunden bedienen” und sich “Image-mäßig positiv aufgeladen” präsentieren, der Markt sei aber noch nicht so weit. Die Vielzahl der Kunden sei noch nicht bereit, sich auf neue nachhaltige Konzepte einzulassen. Nicht mal bei gleichem Preis, wie er paradoxerweise beobachten konnte. Man wolle dem Thema gerecht werden UND wirtschaftlich tragbar bleiben.

Ähnlich sieht Herr Ramelow die Entwicklung hin zur Nachhaltigkeit nicht nur in dem Produktangebot, dessen Umstellung ein mühevoller Prozess mit den Hauptlieferanten wäre, sondern zunächst erstmal darin, sich intern mit ethischen Inhalten zu beschäftigen. Dies bestätigt Frau Mohrmann, die die Erfahrung gemacht hat, dass Händler nicht unwissend dastehen, sondern auf Nachfragen reagieren wollen. Nichtsdestotrotz seien der “Style” und ‘Preis’ an erster Stelle ausschlaggebend für den Kauf eines Kleidungsstücks, und ‘Öko’ wäre das “On-Top”, der “Benefit” – da sind sich beide einig.

Nichtsdestotrotz seien der “Style” und ‘Preis’ an erster Stelle
ausschlaggebend für den Kauf eines Kleidungsstücks,
und Öko wäre das “On-Top”, der “Benefit”
– da sind sich beide einig.

Spätestens als dann noch die Geschichte vom “Storytelling” auf den Plan gerufen wird, das entscheidendes Merkmal bzw. Marketinginstrument einer Marke sei, um die Masse an Konkurrenten in den Wind zu schlagen, ist mir klar: hier unterhalten sich Fachleute, die verstehen wie man Geschäfte macht und in diesem Sinne agieren und ihr Handeln nicht nur in typische ökonomische Begrifflichkeiten einordnen, aber wohl auch zu legitimieren versuchen.

Wie man nun konkret ‘grüne’ Marken in das Gesamtkonzept eines traditionellen Kaufhauses einbetten könnte, zeigt vorbildhaft Frau Dr. Hempel auf, die seit 2009 unter anderen das Stricklabel Les Racines du Ciel erfolgreich in ihr Sortiment eingeführt hat und mit Knowledge Cotton Apparel Zuwachs verbuche. Dennoch sei es “schwer das (zusammen mit der konventionellen Linie) auf eine Fläche zu bringen”. Man entwickelte ein extra Hangtag, um die Labels von anderen zu unterscheiden, hatte aber durchaus Schwierigkeiten mit progressiveren Marken. Die gesamte Fläche müsse “heterogen” sein. Auch sie lenkt ein, es zähle nicht nur der gute Wille, es muss sich auch betriebswirtschaftlich lohnen.

Die Herren des Handels klingen also mit ein in die Erkenntnis: Um öko-faire Labels in die Breite einer Produktpalette einzupassen, dürfe man sie nicht separat ausstellen, dürfe man sie in keine “grüne Ecke” stellen, sondern müsse sie stimmig ins Gesamtbild eingliedern und jeweils ihre ganz eigene “Story” herausstellen. Herr Wellner fügt an, er könne sich aber auch vorstellen, temporäre Sonderflächen aufzubauen.

Weitere wichtige Anmerkungen kommen von den Agenten, den Vermittlern für faire Mode: Frank Meyer und Linda Mohrmann. Sie weist darauf hin, dass hochwertige Produkte ihren Preis haben, den die Kunden bereit sein müssen zu zahlen. “Wir dürfen uns nicht mit H&M vergleichen”. Außerdem seien leider nicht alle Öko-Trends auch wirklich konsequent nachhaltig, sondern sogar widersprüchlich an sich. Erwähnung finden hier an verschiedenen Stellen ‘veganes Leder’ und ‘vegane Daunen’, die beide erdölbasiert sind. Außerdem lieferten “tierische Produkte nun mal Hochwertigkeit” und Kunstfasern müssten besser “performen”.

“Wir dürfen uns nicht mit H&M vergleichen.”

Er erwähnt, dass immer noch viel zu große Informationslücken bei der Käuferschaft bestehen – die auch von Seiten der Modehäuser geschlossen werden müssten, wie eine Frau aus dem Publikum später anfügt. Die Anforderungen an nachhaltige Marken bestünden in der Anpassung an die Strukturen des konventionellen Handels, um in deren Sortimente integriert werden zu können. Die benötigte Professionalisierung müsste für diesen Zweck durch die Zwischenhändler viel stärker unterstützt werden. Engagement für das Gute sei eine Herzensangelegenheit – so betont Meyer abschließend: “Es befindet sich auf dem Weg, also sollte man ihn auch weiter gehen”.

Was wir von der Offenheit der Big Player des Einzelhandels tatsächlich erwarten können, bleibt mir noch ein Rätsel nach der sehr knapp gehaltenen Möglichkeit am Ende, weitere Fragen zu stellen. “Es interessiert uns nicht nicht” ist kein besonders optimistisch stimmender Leitsatz Ramelows. Nein, da müsste man sich schon intensiver mit der Sinnfrage auseinander setzen und weniger von zu bezahlenden Investitionen in nötige Recherchen sprechen; müsste man sich mehr trauen, mehr Risiko eingehen.

Immerhin aber eine Perspektive mit ein wenig Perspektive.

Heute geht’s weiter. Im Zuge der nächsten Tage werden wir euch natürlich noch unsere Ausbeute an anspruchsvollen Labels auf den Messen im SHOWCASE servieren. Bleibt dran.

 

Infolinks:

http://ethicalfashionshowberlin.com
http://www.greenshowroom.com
http://www.modehaushempel.de/sytle