The 90s are black – Meine Generation, ein neuer Retro-Trend

The 90s are black – Meine Generation, ein neuer Retro-Trend

Passend zum Tag der deutschen Einheit: Noch vor der Wende geboren, davon jedoch nichts mitbekommen, gehörten die Spice Girls, Techno-Blümchen und rivalisierende Boybands der 90er Jahre zu meinem pubertären Plattenbau-Pop-Alltag als 11-jährige Berlinerin wie Tic zu Tac und Toe. Was in der Rückschau recht unmodisch daherkam, wenn wir uns nach dem Unterricht zum Abhängen auf dem Schulhof trafen – gekleidet in No-Name-Turnschuhen oder Plateau-Buffalos, nicht so recht (dazu) passenden Hosen und abgetragenen Schlabberpullis, obendrein selbstgedrehte Krauselöckchen, Plastik-Tattoohalsbänder – Beilagen der Girl!-Zeitschrift – war jener Tage aber okay und findet man heute scheinbar richtig cool. Die Trends der 90er – meiner End-90er Jahre – sind zurück!?

Zumindest seit diesem Jahr begegnen mir ständig Rippstoffe, die übereinander gestaffelt getragen werden – mit Vorliebe schwarzes Trägertop über weißem T-Shirt -, Latzhosen, enge schwarze Halsbänder sowie hellblond-bis-bunt-gefärbte und zu Schnecken gedrehte Frisuren. Das nun, seitdem sich länger schon unförmige Karottenjeans, sowohl bauchfreie als auch Oversize-Oberteile und mittlerweile sogar Oversize-Hemden zurück auf den Modemarkt kämpfen.

aethic_90s-are-back_blackDamals toppte ich meinen Style mit einem hautengen Pimkie-Shirt aus blauem Rosenmuster, stretchiger Fishbone Polyester-Schlaghose und Fischerhut. Auch meine braune Daunenjacke war in meinen Augen, die durch grüne Sonnenbrillengläser blickten, sehr chic, weil sie nicht so ganz Nazi-Bomberjacke war, aber auch lässig, oder so. Andere liebten die (Fake-)Adidas-“Schnellficker”-Trainingshosen, die so hießen, weil die Knöpfe an der Seite rasant unnütz aufgerissen werden konnten – und sieh an: gibt es heute so ähnlich bei H&M zu kaufen. Fand ich allerdings noch nie schön. Ebenfalls erhältlich sind wieder sportlich anmutende T-Shirts mit fetten kontrastierenden Paspelbändern, die Säume und Ausschnitte zieren.

90s_teenager_style_290s_teenager_style_1Es ist also die Zeit gekommen, in der die Trends oder eher stilistischen Gegebenheiten meiner eigenen Jugend von jungen Menschen, die diese Zeit überwiegend nicht selbst erlebt haben, erneut aufgegriffen werden. So wie ich in einigen Zügen dem Stil der 70er und 80er verfallen bin, ohne Teil der Gesellschaft gewesen zu sein, finden andere nun anderes toll. Und ich nehme dabei eine differenziertere Perspektive ein. Nicht nur als Zeitzeugin, sondern auch als Modegestalterin.

Zweifelhaft an diesem 90er-Retro-Trend empfinde ich persönlich, dass mir die Leute so uniformiert vorkommen. Als hätten sie sich allesamt einfach einfallslos am Kleiderschrank einer anderen Generation bedient. Oder als hätten sie keine andere Wahl als mit der Rückkehr der Mode mitzugehen, als ob es ihnen eine mystische Macht so vorschreibt. Und am meisten, dass die Fast-Fashion-Industrie daraus soviel Profit wie nur möglich zieht und vielleicht mehr denn je.

Dennoch: Gerade das Zyklische solcher Mode-Rhythmen spricht als ein gesellschaftliches Bekleidungsphänomen für sich und ist Ausdruck unseres menschlichen Bestrebens. In jeder Hinsicht bewegen wir uns stufenweise fort und zurück, und dabei stets ein Stückchen weiter. In diesem aktuellen Fall fällt mir auf, dass nur einzelne Teile der Vergangenheit kopiert werden bzw. sogar weiter entwickelt werden. Ich sehe eine Verschiebung der Zeit, nicht Original-Zeit, sondern modernisierte Abwandlung davon. Mir fällt auf, dass alles viel reduzierter, viel minimalistischer in Schwarz-Beige-Weiß gehalten wird. Letztens, auf einem Mode-Event, erschienen mir alle Menschen erstaunlich eintönig unfarbig. The 90s are BLACK (and white). Die Mode geht mit der Zeit – sie drückt den Zeitgeist aus. Und zeitgleich zeichnet sie Alt-Bekanntes nach. Denn die Mode hat sich schon immer re-produziert. Sie bleibt sich damit treu und das enge Halsband feiert ganz sicher nicht sein erstes Comeback – seine Entstehungsgeschichte liegt weiter zurück.

90s_teenager_style_390s_teenager_style_7Man muss kein Hellseher sein, um beispielsweise sagen zu können: Das Bunte wird wiederkommen – wenn auch anders, und im digitalen Zukunfts-Deutschland sicher ohne große Vehemenz (es sei denn die Menschheit entdeckt nochmal ihre spirituelle Seite, wie es in einigen Kreisen vorhergesehen wird). Ich picke mir weiterhin nur das heraus, was meinem Geschmack zusagt, der sicherlich auch immer ein Stück weit mit oder entgegen der Modezeit geht. Etwas ärgerlich ist es, offen gestanden, dennoch, dass ich gerade nur noch ungern meine zerrissenen Jeanshosen trage, weil das jetzt trendy-pseudo-rebellisch-grungig ‘alle’ tun und ich mich davon distanzieren möchte… Ja, da bestätigt sich: Mode funktioniert als selbst-gewähltes soziales Abgrenzungs- und/oder Zugehörigkeitsmerkmal.

Um die Kuriosität der wiederkehrenden Mode zum Schluss auch wissenschaftlich zu untermauern: ‘Retro’ bezeichnet die ästhetische Orientierung von Modehäusern und Subkulturen an vergangenen Stil-Epochen. Sie transportieren mit entsprechenden Zeichencodes “eine reiche, sinnlich erfahrbare und zugleich auch imaginäre Welt der Vergangenheit”¹. Über die Bekleidung kann so ein Bild einer vergangenen Zeit mit dem eigenen Körper re-inszeniert und nachgefühlt werden, indem durch Erinnerungen assoziative Verknüpfungen wahrgenommen und dekodierbar werden.
Die Gegenwart tritt in Dialog mit der Vergangenheit und das Zitierte erhält eine neue Bedeutung.²

Fehlt nur noch, dass bald wieder je zwei fette blondierte Strähnen am vorderen Stirnansatz die Gesichter junger Damen umschmeicheln so wie einst meine Pausbacken – damit wäre die Erinnerung perfekt.

 

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¹ Heike Jenß in ‘Sixties Dress Only’: S. 192
² Vgl. Heike Jenß in ‘zeit-schnitte – Kulturelle Konstruktionen von Kleidung und Mode’: S. 225, 234, 266-268

Illustration: Maria Koch
Fotos: UTA