Mode + Tech = Interactive Fashion

Mode + Tech = Interactive Fashion

Wenn Kleidung nicht länger nur kinetisch an uns mitschwingt und den motorischen Bewegungen des Körpers folgt, sondern darüber hinaus feinfühligst auf andere unserer menschlichen Handlungen und gar Zustände reagiert – mit uns interagiert, kommuniziert -, ja dann bietet das natürlich ein ganz neues Spektrum der Gestaltbarkeit von Mode und erweitert den Rahmen unserer Alltagspraxis im Umgang mit den Dingen, die uns umhüllen, die wir am Leibe tragen.

Die Mode der Zukunft hat ein ganz bestimmtes Gesicht – das gezeichnet ist von Technologie – wie vieles andere auch. Dahin streben wir: die Regierung mit seinen Förderungen und die allgemeine, neugierig-faszinierte Masse. Erste Konturen und Züge können wir allmählich erahnen und kompakt auf Arte bestaunen. Der Sender präsentierte kürzlich in seiner Popkultur-Programmserie ‘Tracks’ die beeindruckenden Entwürfe der Pioniere sogenannter ‘Interactive Fashion’. In diesem wachsenden Feld kreieren sie tragbare Kleidergestalten, die sich irgendwie zu unseren Gedanken, unserem Gesichtsausdruck oder unserer Sprache verhalten. Dabei soll es laut den Vorreiterinnen Jasna Rok und Ying Gao nicht nur um optische Spielerei gehen – vielmehr noch um einen Mehrwert, um Grenzüberschreitung und den Mut zum Experiment.

Ich persönlich finde, das haben sie auch ästhetisch in eine schöne Form gebracht. Was uns die interaktive Mode irgendwann in der Breite wirklich bringt, welche Möglichkeiten sie noch birgt und ob uns diese digital-technologischen Entwicklungen nicht einfach nur neue bizarre Abhängigkeiten anhängen werden, bleibt abzuwarten (oder mitzugestalten). Immerhin: Es gibt bereits einen Pulli, der den Grad der Luftverschmutzung anzeigt (Nikolas Bentel: ‘Aerochromics’) und einen Parka, der uns davor schützen soll (Yuchen Zhang: ‘Bury’). Hmm. (Inter)aktiver Umweltschutz sieht dennoch anders aus.

Arte Tracks, 04.11.2016

Rok: „Ich entwerfe Klamotten nicht, damit sie schön sind, ich mache sie, damit sie einen Mehrwert haben. Wie bei ‘Fashion On Brainwaves’. Da geht es darum, die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns durch Mode zu visualisieren. Wir messen deine Gehirnströme mit einem EEG-Sensor und senden sie dann an das Kleid. Das reagiert darauf, indem es seine Form und Farbe ändert. Deine Gehirnaktivität spiegelt sich als unmittelbar in deinem Outfit wider. Du kannst dich selbst viel besser verstehen und darauf reagieren.

Gao: „Interactive Fashion boomt gerade jetzt, weil wir ständig online sind, wir alle, jeden Tag, immer. Technologie steht im Mittelpunkt unseres Lebens, deshalb ist es auch so wichtig, dass wir ein Statement dazu setzen. (…) Soll ich ehrlich ein? Machen wir das vielleicht alles nur des Spektakels wegen? Ich traue mich das gar nicht, meine Kollegen zu fragen. Aber ich habe das Gefühl, viele beschäftigen sich nur mit Interactive fashion, weil es gerade ‘in’ ist. Aber für mich ergeben sich daraus mehr Fragen als Antworten.“

Cover Image: Ying Gao ‘neutralité: can’t and won’t. facial expression recognition system embedded clothing’

Weitere Designer, die im Video vorgestellt werden: Lauren Bauker ‘Theunseenair’, Behnaz Farahi ‘Caress of the Gaze’