Slow Fashion

DEFINITION & PROBLEM

Wenn wir von ethischer Modeproduktion sowie nachhaltigem Modekonsum sprechen, ist deren grundsätzliches Merkmal die Entschleunigung von sogenannten Fast Fashion Prozessen und Praktiken. Besonders große kommerzielle Bekleidungsunternehmen arbeiten heute, wie andere industrielle Branchen auch, in deutlich schnelleren Zyklen und unter hohem Druck. Ihr Ziel ist es, in gewinnbringenden Massen möglichst günstige modische Klamotten an den Konsumenten zu bringen. Unter diesen Bedingungen büßt die Qualität der Produkte meist ein, was wiederum durch frühzeitigen Verschleiß zur Wegwerfmentalität führt. Aber auch der trend-orientierte Neubeschaffungwahn, den die Marken bewerben, verleitet oft zu mehr oder weniger sinnlosem Shopping. Fehlkäufe sind dabei nicht ausgeschlossen. Ganz zu schweigen von den verheerenden Umständen, unter denen produziert und entsorgt wird.

LÖSUNGSANSÄTZE

Auf dieses Phänomen reagiert die relativ neue Slow Fashion Bewegung mit der Rückbesinnung auf verloren gegangene Werte in der Tradition von Handarbeit und dem ihr gebührenden Respekt – ein Begriff, den die Visionärin Kate Fletcher mitprägte. Es handelt sich dabei um alles andere als nur einen Trend. Es geht um eine Idee vom Leben, von Zeit, von persönlichem Stil, von Wissen, Bewusstwerden und die Anerkennung kleiner Dinge.

Zehn wesentliche Aspekte fließen in die Aufwertung von Bekleidungsstücken nach Definition von Carlotta Cataldi, Maureen Dickson und Crystal Grover* ein:

  1. Das große Ganze

Produzenten von ‚langsamer Mode‘ verstehen sich als Teil einer größeren Umwelt und eines sozialen Systems, in dem wir miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Ihrer Philosophie nach haben unsere Entscheidungen Auswirkungen auf Natur und Mensch und sollten dementsprechend auch in Rücksicht darauf getroffen werden.

  1. Minimalkonsum

Das Ziel, den Rhythmus der Modeproduktion zu verlangsamen, schont die Ressourcen unserer Erde. Wenn sie Zeit zur Regenration gewinnt, ist es möglich, Bekleidung im Einklang mit dem Zyklus der Natur herzustellen und nur das zu verbrauchen, was langfristig zur Verfügung fortbesteht.

  1. Diversität

Die Erhaltung ökologischer, sozialer und kultureller Vielfältigkeit ist Grundvoraussetzung für das ‚blühende Leben‘ in all seinen Facetten. Verschiedenste Konzepte nachhaltiger Modeunternehmen setzen an allen möglichen Punkten an – von unabhängigen Designern, großen Modehäusern, Kooperationen, Fairtrade-Handel, Vintageshops, Upcyclingprodukten, Tausch- und Leihbörsen bis hin zu lokalen Stricktreffs. Dabei schöpfen wir auch aus dem Wissen von traditionellen Textil- und Färbetechniken, was deren Weiterentwicklung überhaupt erst ermöglicht.

  1. Menschenachtung

Maßnahmen wie die Teilnahme an Fairtrade Initiativen, die Bildung von Kooperationen und die Einführung eines betriebsinternen Verhaltenskodex sichern Arbeitern entlang der textilen Wertschöpfungskette ihr Menschenrecht auf faire Arbeitsbedingungen. Einige Marken haben sich deshalb der Asian Floor Wage Alliance, der Ethical Trading Initiative, der Fair Wear Foundation o.a. angeschlossen. Die lokale Unterstützung von kleinen Gemeinden und Betrieben fördert Fachwissen und Handelsbeziehungen.

  1. Berücksichtigung menschlicher Bedürfnisse

In jeder Beziehung, ob bei Produktionsprozessen, der funktionalen Gestaltung oder emotionalen Vermittlung von Kleidung, können Designer und Unternehmen die Zufriedenheit und Anteilnahme von Menschen an ihren Produkten steigern, indem sie sich an menschlichen Bedürfnissen orientieren. So entsteht vielmehr sinnvolle Mode mit hohem Bedeutungsgehalt und gesteigerter Wertigkeit.

  1. Aufbau und Pflege von Beziehungen

Kollaborationen fördern Vertrauen und andauernde Beziehungen, die die einzelnen Modeproduzenten stärken und in ihrer gemeinsamen Bewegung voran bringen. Auch die Offenlegung von innerbetrieblichen Strukturen ist dabei ein wichtiger Aspekt.

  1. Nutzung lokaler Ressourcen

Vor Ort hergestellte Materialien und entsprechend bezahlte Arbeitskraft stehen im Fokus von Slow Fashion Unternehmen. Die Nutzung lokaler Ressourcen reduziert den ökologischen Fußabdruck und unterstützt die Entwicklung kleiner Betriebe und Kunsthandwerke, was dem Wohl der Gemeinden dient.

  1. Bewahrung von Qualität und Schönheit

Zeitloses Design trägt einen großen Teil zur Langlebigkeit von Kleidungsstücken bei – im Gegensatz zu vorübergehenden Trends. Die Wahl von qualitativen Stoffen und klassischen Schnitten gehen hier Hand in Hand. Auch das Reparatur- und Umstyling-Angebot einiger Marken gehört zum Repertoire.

  1. Wirtschaftlichkeit

Für ‚langsame‘ Modeproduzenten muss sich das Geschäft genauso lohnen, mithilfe von Werbung u.a., um im Wettbewerb mit anderen am Markt zu bestehen. Die Preise sind meist höher, weil sie den ‚wahren Wert‘ von Kleidung nicht unterschlagen – darin eingeschlossen die Kosten für nachhaltige Materialien und faire Bezahlungen.

  1. Bewusstsein

Bewusst gefasste Entscheidungen basieren auf persönlichen Leidenschaften, in Verbindung mit anderen und der Umwelt sowie mit dem Willen, verantwortungsbewusst zu handeln. In der Slow Fashion Bewegung lieben viele ihre Arbeit, eben weil sie durch kreative und innovative Lösungen etwas in der Welt verändern wollen.

…Wie hoch ist wohl der Anteil an Teilen in unseren Kleiderschränken, die kunsthandwerklich oder einfach qualitativ hochwertig verarbeitet sind? Welche Stücke haben besondere Bedeutung für uns und aus welchem Grund? Wie lange halten sie sich, wie oft und wofür nutzen wir sie?

For an English equivalent information material check out: http://slowfashionforward.org/slowfashionvalues

*Carlotta Cataldi, Maureen Dickson und Crystal Grover erarbeiteten die hier aufgeführten 10 Punkte im Zusammenhang ihrer Masterarbeit mit dem Titel ‚Slow Fashion: Tailoring a Strategic Approach towards Sustainability‘ (2010) am Blekinge Institute of Technology in Karlskrona, Schweden