Die Unmodischen und das Wesen der Mode

Oberflächlich. Überflüssig. Frauensache.

So wird Bekleidungsmode oft dargestellt; obwohl sie als soziales Phänomen viel differenzierter zu betrachten wäre, ist es, speziell in Deutschland, zur Mode geworden, sich als unmodisches Wesen darzustellen.
Wie man schon an der Umschreibung unschwer erkennt, kann auch das gewollt Unmodische eine Mode sein. Doch, da es eine Rolle im aktuellen Diskurs spielt, schauen wir uns das Wesen der Unmodischen doch einmal genauer an:

Wer sich bewusst unmodern trägt oder benimmt, erreicht das damit verbundene Individualisierungsgefühl nicht eigentlich durch eigene individuelle Qualifikation, sondern durch die bloße Negation des sozialen Beispiels: wenn Modernität Nachahmung dieses letzteren ist, so ist die absichtliche Ummodernität seine Nachahmung mit umgekehrten Vorzeichen, die aber darum nicht weniger Zeugnis von der Macht der sozialen Tendenz ablegt, die uns in irgend einer positiven oder negativen Weise von sich abhängig macht.

Georg Simmel

Nehmen wir nun an, dass der Unmodische die Mode mit negativem Vorzeichen aufgreift und ermitteln am konkreten Beispiel Deutschland, ob diese These haltbar bleibt. Was wäre in diesem Sinne das Gegenteil von oberflächlichen, überflüssigen Frauensachen? Sinnvolle, funktionale Männersachen. Und schon haben wir ermittelt, warum sich Outdoormarken in Deutschland so großer Beliebtheit erfreuen. Sie sind sinnvoll und funktional, sogar überfunktional. Beispielsweise zeigen Polarwinterjacken im deutschen schneelosen Winter, dass auch die Unmodischen zu modischen Übertreibungen neigen; allerdings sind diese, in diesem Fall, nicht vordergründig ästhetischer, sondern funktionaler Form.

Man kann sich dem Faszinosum Mode einfach nicht komplett entziehen. Sie formt und ist zugleich Ausdruck sozialen Zusammenlebens und Zeitgeistes, sie ist unendlich viel mehr als eine ästhetische Spielerei für Frauen und es wird Zeit, dass Mode als kulturelles und soziales Phänomen auch in Deutschland endlich ernst genommen wird.
In diesem Sinne möchte ich noch ein Zitat bemühen:

Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im voraus nicht nur um neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen.  – Zweifellos liegt hierin der höchste Reiz der Mode, aber auch die Schwierigkeit, ihn fruchtbar zu machen.

Walter Benjamin