Modetheorie zwischen Georg Simmel und Thorstein Veblen

Modetheorie zwischen Georg Simmel und Thorstein Veblen

Eine zentrale Frage in der Mode stellt immer die Notwendigkeit des Wandels dar.  Vor allem im Bereich nachhaltiger Bekleidung, ist es essenziell den momentanen raschen Wandel in der Mode, speziell im Fast Fashion Bereich in Frage zu stellen; da hierdurch der Konsum der Waren enorm wächst, wobei der Gebrauchswert der Güter unterminiert wird. Warum bestimmt also der Wandel das Wesen der Mode und wie rasch sollte er sein?

Das Wesen der Mode besteht darin, dass immer nur ein Teil der Gruppe sie übt, die Gesamtheit aber sich erst auf dem Wege zu ihr befindet. Sobald sie völlig durchdrungen ist, d.h. sobald einmal dasjenige, was ursprünglich nur einige taten, wirklich von allen ausnahmslos geübt wird, wie es bei gewissen Elementen der Kleidung und der Umgangsformen geschah, so bezeichnet man es nicht mehr als Mode.
Jedes Wachstum ihrer treibt sie ihrem Ende zu, weil sie dadurch die Unterschiedlichkeit aufhebt. Sie hat durch dieses Spiel zwischen der Tendenz auf allgemeine Verbreitung die Vernichtung ihres Sinnes, die diese Verbreitung gerade herbeiführt, den eigentümlichen Reiz der Grenze, den Reiz gleichzeitigen Anfanges und Endes, den Reiz der Neuheit und gleichzeitig den der Vergänglichkeit. Ihre Frage ist nicht Sein oder Nichtsein, sondern sie ist zugleich Sein und Nichtsein, sie steht immer auf der Wasserscheide von Vergangenheit und Zukunft und gibt uns so, solange sie auf ihrer Höhe ist, ein so starkes Gegenwartsgefühl, wie wenige andre Erscheinungen.

Georg Simmel erklärt hier recht treffend das Wesen des Wandels. Er entsteht im sozialen Miteinander durch Invention, Innovation und Verbreitung bis hin zum Absterben der jeweiligen Mode. Die Inventionen sind zahlreich, doch nur wenige setzen sich durch und werden überhaupt erst zur Mode, die dann durch erneute Innovationen wieder überholt wird. Gerade diese Schwebe, die Vergänglichkeit und das Neue so nah einander bringt wie kaum ein anderes soziales Phänomen, ist das besonders reizvolle an der Mode. Die Paradoxa der Mode enden jedoch hier nicht; ebenso erschaffen wir, als soziales Miteinander, den modischen Wandel, während wir zugleich durch ihn geleitet werden. 

Gerade durch den zunehmend raschen Wandel entsteht immer schneller ein großes Warensortiment, dass durch Marketing scheinbare Neuheit suggeriert. Durch die extrem niedrigen Preise durch Technisierung und Ausbeutung können dann im Zuge der zunehmenden Demokratisierung der Mode auch mehr Konsumenten prompter an dem Konsum teilhaben, wodurch sich der Wandel rasant beschleunigt.  Aber wird inzwischen wirklich noch Innovation, die zur Mode geworden ist, von einem innovativeren Gut abgelöst, oder geht in diesem rasanten Wandel die Entwicklung von Neuerungen unter und es gibt einfach viele neue Produkte?

DIESES ZITAT VON SIMMEL SCHEINT DAS WESEN DES WANDELS TREFFEND ZUSAMMEN ZU FASSEN. WAS ABER IST SEIN URSPRUNG?

Simmel führt den Ursprung des Wandels auf das Gegenspiel zwischen Nachahmung und Individuation, sprich Gruppenzugehörigkeit und Ausdruck von Individualität, zurück. Aber für diesen Ursprung lassen sich in der Modetheorie auch andere Ansichten finden, sowie  in der „Theorie der feinen Leute“ von Thorstein Veblen:

Unsere vergängliche Zuneigung zum Neuesten, wie dies auch immer beschaffen sein mag, beruht auf  anderen als ästhetischen Motiven und dauert nur solange, bis unser wahres und eigentliches Schönheitsgefühl die Zeit gefunden hat, sich durchzusetzen und die unechte, unverdauliche Erfindung abzuweisen.

Er begründet das Verlangen nach dem jeweils Neuesten und den daraus entstehenden modischen Wandel mit dem Wunsch nach Prestige. Soweit ließen sich die beiden Positionen noch vereinen, doch argumentiert er weiter, dass die wandelnden Moden unser „wahres und eigentliches Schönheitsgefühl“ verletzen würden. Auch die Schnelligkeit des Wandels führt er allein auf die „grotesk(e), abscheulich(e)“ Mode zurück.

Aus dieser zeitlichen Beziehung zwischen der Widerwärtigkeit und der Unstabilität der Mode lässt sich die Folgerung ableiten, dass die einzelnen Modestile sich umso schneller ablösen müssen, je offensichtlicher sie den gesunden Geschmack beleidigen.

Essenziell für die Theorie Veblens ist, dass er Menschen ein absolutes Schönheitsgefühl unterstellt, das unabhängig von Zeitgeist und Mode bewertet. Speziell in Anbetracht unserer multi-optionalen Gesellschaft würde ich dies jedoch in Frage stellen. Ich denke es gibt Parameter, bestimmte Werke oder Momente die nahezu allgemeingültig als „schön“ anerkannt werden könnten, wie beispielsweise die Gestaltung nach dem goldenen Schnitt oder bestimmte Farbklänge. Im Allgemeinen lässt sich jedoch keine feste Definition für „Schönheit“ finden, da sie nicht nur im Kontext des Zeitgeistes, sondern auch in jedem Einzelnen, ihre Gestalt ändert.

Obwohl die Theorien sich in Teilen miteinander vereinen lassen, nehmen sie doch ganz unterschiedliche Standpunkte ein. Während Simmel den Wandel und somit ein Teil des Wesens der Mode als soziales Phänomen durchaus positiv konnotiert beschreibt, begründet Veblen den Wandel mit der Hässlichkeit der Moden.
Auch heute noch gilt: Gerade der Ausdruck der Individualität und des Gruppengefühls, sind und formen sozio-kulturelles Zusammenleben, wobei die daraus entstehenden Paradoxien die Faszination „Mode“ noch verstärken. Allerdings kann man auch gerade aktuell beobachten und unterstreichen, dass ein zu rascher Wandel, vor allem in der Bekleidungsmode, die Wertigkeit des Produktes untergräbt und für ethisch und ästhetisch nicht ansprechende Auswüchse sorgt.

Illustration: Lisa Frühbeis