Fashionweek – Was sagt eigentlich Seneca dazu?

Fashionweek – Was sagt eigentlich Seneca dazu?

Dass du beharrlich bemüht bist und vor allem danach trachtest, täglich besser zu werden, das lobe ich und das freut mich; ich ermahne und bitte dich: mache so fort! Nur wolle nicht in Gehabe und Lebensweise auffallen, wie gewisse Leute, denen es nicht darum zu tun ist, im Guten weiterzukommen, sondern die gesehen werden wollen.

(…)

Unser Kleid soll nicht glänzend sein, aber auch nicht schmutzig; Silber mit eingelegtem echtem Gold brauchen wir nicht, aber gar kein Gold oder Silber zu besitzen, wollen wir nicht als Ausdruck der Genügsamkeit ansehen! Unser Bestreben muss sein, eine bessere Lebensweise zu haben als die Menge, aber nicht eine entgegengesetzte, sonst wenden wir eben die von uns ab und treiben die von uns weg, die wir bessern wollen; und diese wollen dann gar nichts von uns nachahmen, weil sie fürchten, sie müssten uns in allem nachahmen.

(…)

Die richtige Mitte gefällt mir; zwischen der strengeren Sitte und dem Leben der Menge müssen wir den Mittelweg gehen; jedermann soll genau auf unseren Lebenswandel sehen, soll ihn aber billigen dürfen.

Seneca (aus den Briefen), ca. 50 n.Chr.
Extravaganz und Konformität des Philosophen.

Pünktlich zur Fashionweek ist es wieder vorbei mit der „richtigen Mitte“, der man sich im Alltag, zumindest in einem gewissen Maße, unterordnet. Man kann die schrillsten Kreationen und verrücktesten Kombinationen in freier Wildbahn beobachten. Ein Besucher hat sich buchstäblich einen Maschendrahtzaun vor das Gesicht geschraubt. Die ausgefalleneren Outfits liegen ungelogen in der Kategorie irgendwo zwischen Kostümball und Bad-Taste-Party. Somit scheint sich das Gegenteil von dem abzuzeichnen, was Seneca in der Philosophie sieht. Nicht das gekünstelt Unmodische, sondern die modische Überzeichnung wird zur Lebensphilosophie. 

ABER IST DAS MODE ODER KARNEVAL?  IST MODE DAS GESUNDE MITTEL ODER DIE INDIVIDUELLE ENTFALTUNG ODER GAR DIE ÜBERZEICHNUNG?

Bekleidung ist immer Ausdruck der Individualität und vielleicht hat man gerade zur Fashionweek zweimal im Jahr die Möglichkeit, sich vollkommen auszuleben, ohne dafür als absonderlich abgestempelt zu werden. Andererseits wirkt es wie ein Kostüm, wenn man sich nur bei dieser Gelegenheit extremer Extravaganz hin gibt, sei es um aufzufallen oder um sich entfalten zu können.
Oder ist es so, dass man als Individuum immer seine Gesinnung zur Schau stellen möchte? Im „grauen Alltag“ reichen da kleinere Abweichungen von der Norm um schon aufzufallen, während bei einer Versammlung mit Gleichgesinnten mehr Putz aufgetragen werden muss, um sich von der Masse abzuheben.

Was meint ihr?