Denn der Markt diktiert die Mode…

„Mode, so meine zentrale These, ist ein Spielraum aus Möglichkeiten. Kleidermode erlaubt die äußerst effiziente Ästhtetisierung der eigenen Person und des Lebens, dient als Medium des Versprechens des ganz Anderen. Wie Träume ermöglicht sie imaginäre Wunscherfüllungen. Mode realisiert sich im Streben nach dem Neuen, dem Unerwarteten, dem Unbekannten, oft auch dem Bizarren, aber dieses Ziel verfolgt sie paradoxerweise über den Weg der Nachahmung. Die andere Seite des Glanzes und der unendlichen Möglichkeiten ist der Markt mit seinen radikalen Mechanismen, denen sich unterzuordnen hat, wer sich als ModemacherIn oder als Firma behaupten will und in deren festem Griff sich auch die Konsumierenden befinden. Denn der Markt diktiert die Moden, nicht mehr die DesignerInnen, wie das möglicherweise in der „mode des Cents ans“ (Lipovetsky 1987), also bis Dior, gewesen sein mag. Die andere Seite sind die Bedingungen der Produktion, die an Erbärmlichkeit oft nicht zu unterbieten sind, sind Ausbeutung, Menschenfeindlichkeit und Umweltzerstörung. Die andere Seite des Glanzes ist eine Kultur, in der die Gier nach immer neuen Besitztümern zur Norm und Konsum zur Freizeitbeschäftigung, ja zum Lebensinhalt und oft zu einem Suchtfaktor ersten Ranges geworden ist. Das wird unterstützt durch die sogenannte Wegwerfmentalität, die wiederum eng verbunden ist mit der geplanten Obsoleszenz, d.h. dass – vor allem, aber nicht nur – billige Massenmode schnell kaputt geht.“

Gertrud Lehnert
Mode – Theorie, 
Geschichte und
Ästhetik einer kulturellen Praxis