Die Beziehung von Liebe & Konsum

Die Beziehung von Liebe & Konsum

Es ist Dezember, ein Tag vor Heiligabend, es liegt kein Schnee – 13 Grad, die Sonne scheint. Über die damit sehr wahrscheinlich in Verbindung zu bringende Klimaerwärmung will ich in diesem Beitrag allerdings nichts sagen. Ich besinne mich auf ‚das Fest der Liebe‘, das klassischerweise der Liebe unter Familienangehörigen und unseren Liebsten gewidmet ist. Wir zelebrieren diese Form der Liebe zusammen in häuslicher Gemütlichkeit. Ein Fest, das aber oft automatisch an hohe Erwartungen geknüpft ist. Ein Fest, das scheinbar vorrangig mit dem Austausch von Konsumgütern beschäftigt ist – so kommt es mir manchmal vor. Die kurzfristige Suche nach mehr oder weniger sinnvollen Geschenken, mit denen wir Freude verbreiten wollen – das alles nur um des Schenkens Willen? Es geht natürlich um mehr… Was ist eigentlich der Sinn des Schenkens?

Diese Frage muss sich jeder selbst beantworten. Was mich in diesem Zusammenhang noch mehr interessiert, ist, in welchem Verhältnis die menschliche Sehnsucht nach Liebe, zu lieben und geliebt zu werden, zu unserem Konsumverhalten steht. Dazu inspirierte mich jüngst ein Philosoph der modernen Liebe – Yann Dall’Aglio mit seinem TED Talk ‚Love – you’re doing it wrong‘. Hier reflektiert er über das Ideal der Partnerschaft im 21. Jahrhundert, in einer Welt, die stark auf das Individuum fokussiert und von Materialismus geprägt ist. Dall’Aglio warnt vor dem Irrglauben, wir müssten perfekte Liebhaber sein, bestimmte Leistungen bringen, gesellschaftliche Erwartungen erfüllen – um unser privates Liebesglück zu erfüllen.

Der Suche nach Beziehungen, nach Zärtlichkeit und Harmonie liegt der Wunsch nach Anerkennung inne. Denn nichts weiter sei die Liebe als uns gegenseitig unsere Liebenswürdigkeit anzuerkennen. Daraus ergibt sich auch ‚das Problem der Liebe‘: Wie werden und bleiben wir begehrenswert? Früher war das recht einfach, indem man sein Leben den Regeln und Pflichten der Gemeinde unterwarf. Als Einzelperson musste man nur seine Rolle spielen können – Geschlecht, Alter und sozialen Status entsprechend – und wurde von der Gemeinschaft dafür ‚geliebt‘. Das änderte sich schlagartig mit der Renaissance. Seit dem 13. Jahrhundert wälzten neue wissenschaftliche Erkenntnisse sowie Prozesse der Liberalisierung und Demokratisierung die westliche Gesellschaft und damit auch das Verständnis vom modernen Menschen komplett um – mit gewaltigen Konsequenzen für das Individuum.

(This phenomenon) … caused the biggest identity crisis in the history of humankind. (…) Now individuals are free to value or disvalue any attitude, any choice, any object. But as a result, they are themselves confronted with this same freedom that others have to value or disvalue them. With other words, my value was once ensured by submitting myself to the traditional authorities. Now it is quoted in the stock exchange. On the free market of individual desires, I negotiate my value every day. Hence the anxiety of contemporary man. He is obsessed: Am I desirable? How desirable? How many people are going to love me? And how does he respond to this anxiety? Well, by hysterically collecting symbols of desirability.

Unsere Freiheiten heute bedeuten unter anderem, dass jeder sich eine eigene Meinung über den anderen bilden kann. Die Anerkennung, nach der wir streben, erfahren wir nur im Austausch mit anderen Menschen. Dall’Aglio beschreibt diese Situation als einen Marktplatz, auf dem unser Wert durch Sammeln von ‚Verführungspunkten‘ gesteigert wird. Und es wird jeden Tag aufs Neue verhandelt. Unsere Beliebtheit ist unser Kapital. Unseren Wert versuchen wir unter anderem durch Statussymbole, durch materielle Objekte, durch Konsum zu steigern. Der Philosoph versteht das als alles andere als einen Materialismus. Ganz im Gegenteil: Wir benutzen diese Dinge, um miteinander zu kommunzieren, uns gegenseitig zu verführen. Es geht eigentlich um etwas Zwischenmenschliches.

Nothing could be less materialistic, or more sentimental than a teenager buying brand new jeans and tearing them at the knees, because he wants to please Jennifer. Consumerism is not materialism. It is rather what is swallowed up and sacrificed in the name of the god of love, or rather in the name of seduction capital.

Offensichtlich reagieren wir tatsächlich positiv auf solche symbolischen Besitztümer, sonst würden wir sie nicht anhäufen. Ich möchte noch hinzufügen, dass sie in jeder Szene andere Wertigkeit haben müssen, sonst gäbe es keine Variationen und Abweichungen vom Mainstream. Das heißt, bloß weil ein Punk sich vom allgemeinen Schönheitsideal distanziert, erfährt er dennoch Anerkennung für seine Piercings von Gleichgesinnten. Es können also nicht nur Luxusgüter gemeint sein, wenn sie auch überwiegend als wertvoller, also wertsteigernd verstanden werden. Doch so selbstverständlich die Ausprägungen von Konsum als Bestandteil moderner Liebesbeziehungspraxis sein mögen – das Eifern nach Aufwertung unserer Liebenswürdigkeit in Form einer optimierten Selbstinszenierung unserer Person, fördert auch ein Missverhältnis zu uns selbst zu Tage. Erhalten wir nicht die erwünschte Bestätigung von anderen, sind wir innerlich einsam und frustriert.

Of course, this race for seduction, like every fierce competition will create huge disparities in narcissistic satisfaction and therefore a lot of loneliness and frustration, too. So we can expect that modernity itself, which is the origin of seduction capital, would be called into question. (…)

Another path to thinking about love may be possible. But how? How to renounce the hysterical need to be valued? Well, by becoming aware of my uselessness. Yes, I’m useless. But rest assured: so are you. We are all useless. This uselessness is easily demonstrated, because in order to be valued I need another to desire me, which shows that I do not have any value of my own. I don’t have any inherent value. We all pretend to have an idol; we all pretend to be an idol for someone else, but actually, we are all impostors, a bit like a man on the street who appears totally cool and indifferent, while he has acutally anticipated and calculated so that all eyes are on him. I think that becoming aware of this general imposture that concerns all of us would ease our love relationships. It is because I want to be loved from head to toe, justified in my every choice, that the seduction hysteria exists. And therefore I want to seem perfect so that another can love me. I want them to be perfect, so I can be reassured by my value. It leads to couples obsessed with performance, who will break up, just like that, under the slightest underachievement.

Damit wir nicht besessen vom Perfektionierungswahn, in verletzter Eitelkeit und oberflächlicher Vergleicherei versinken, schlägt Dall’Aglio als Kontrastprogramm vor, Liebe als zärtlichen Umgang miteinander zu erfahren. Tolerant und humorvoll mit unseren eigenen Defiziten und Schwächen umzugehen und mit denen anderer. Charmant über unsere Fehler hinweg zu sehen oder uns gar an ihnen mit Witz zu erfreuen. Dass wir uns selbst nicht so ernst nehmen, wir über uns selbst lachen können. Zu unserem Begehren begehrenswert zu sein, könnte gehören, unsere Unvollkommenheit als liebenswert zu empfinden. Leider hindern wir uns viel zu oft gegenseitig daran, dies so vollkommen zu begreifen und zu realisieren. Am Ende sind wir doch alle nutzlos, was der Grund ist, weshalb wir überhaupt nach Liebe streben.

Wir sind in unserer Existenz verunsichert und nur wenn wir das in seiner Tiefe verstehen würden, könnten wir vielleicht selbstbewusster damit umgehen, gesündere Beziehungen führen und den Idealismus, der so viele Gesichter hat, an der Stelle einpacken, wo wir sonst liebesbedürftig Tüten voller liebesversprechender Inhalte packen. Dabei geht es nicht nur um Shopping, sondern vor allem darum, ob es wirklich möglich ist, Abstand von den Dingen zu nehmen, die uns schmücken, die uns nach außen repräsentieren. Gerade weil Mode eine Form der Kommunikation ist, ein Medium, das Zugehörigkeit vermittelt, auf den oft entscheidenen ersten Blick, und weil wir uns aufgrund ihres großen Angebots entscheiden müssen, so eröffnen sich mir viele weitere Fragen… Wäre Mode noch das was es ist? Wäre die Praxis der Bekleidung freier, offener, bunter, spaßiger oder völlig unwichtig?

Nähmen wir uns selbst nicht so wichtig, kleideten wir uns nicht vor allem für andere und um anderen zu gefallen, sondern liebten wir uns selbst und die anderen wirklich so wie sie sind, wäre das Leben, die Liebe, wären Beziehungen aber bestimmt einfacher.
Auf die Liebe, auf besinnliche Weihnachten!

 

http://www.ted.com/talks/yann_dall_aglio_love_you_re_doing_it_wrong

 

Source: 

Quoting Yann Dall’Aglio’s talk in French, subtitled in English from TEDxParis 2012, Filmed Oct 2012: http://www.ted.com/talks/yann_dall_aglio_love_you_re_doing_it_wrong
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