Was können / sollen Street-Style-Blogs?

Was können / sollen Street-Style-Blogs?

Ein Phänomen unter Modebegeisterten ist das Publizieren und/oder der Konsum von Inhalten sogenannter Street-Style-Blogs. Falls sich jemand nichts darunter vorstellen kann: Hierbei handelt es sich um die Verbreitung fotografischer Zeugnisse individuell gestylter Outfits, also interessanter (Neu-)Kombinationen von mehr oder weniger ungewöhnlichen Bekleidungsstücken, wie sie an Menschen im öffentlichen Raum, konkret an Straßenpassanten, zu finden sind – so nach meinem Verständnis.

Ich frage mich nun wer sich auf derartigen Webseiten eigentlich alles rumtummelt, welche Rolle sie in unserer (Konsum-)Gesellschaft einnehmen oder einnehmen könnten und was persönlicher Stil, so wie er in dieser Form betont wird, im Gegenüber des Mode-Begriffs für eine Bedeutung hat.

street style blogs_warum_the locals_street fashion in krakow_easy fashion_nZunächst richtet sich mein etwas kritischer Blick auf das dialektische Verhältnis von dem Aufzeigen scheinbar betont authentischer Looks, die durch die ihnen zugeteilte Aufmerksamkeit zur Nachahmung zwar nicht direkt auffordern, aber sehr wohl verlocken. Was sonst ist Sinn und Zweck ihrer unmittelbaren Darstellung, der einem Aufbau einer Onlinebibliothek gleichkommt – einer Sammlung schier unendlicher Möglichkeiten individueller Modestile… Das Interesse an den Straßenmode-Bildern ist definitiv groß. Doch sind sie damit nicht nur nicht länger einzigartig, sondern wecken oder befriedigen zudem ein neues Bedürfnis am anderen Ende beim Empfänger, der Konsument oder Designer sein kann, das mit dem Verkauf und Kauf eines ähnlichen Kleidungsstücks einhergeht. Das ist es doch, was die Street-Style-Blogger, vielleicht unbeabsichtigt, fördern? Massenkonsum von schnelllebigen Trends, die von einzelnen Peergroup-Anführern ausgehen?

Gerne behaupten sie ihre Freiheit vom Diktat der Modeindustrie.

In der Publikation ‚Mode in der Stadt – über Street-Style-Blogs und die Grenzen der Demokratisierung von Mode‘, veröffentlicht in der Ausgabe Nr. 78 (Juni 2010) der Reihe Texte zur Kunst, hinterfragt Monica Titton genau das:

Mit ihrem Blick auf die „Straße“ gelten diese Blogs mithin als autonome Instanzen (…) Doch befördern „Jak & Jil“ oder „styleclicker“ tatsächlich eine Demokratisierung der Modewelt, wie aufgrund ihrer vermeintlichen Unabhängigkeit von der globalen Modeindustrie und deren traditionellen Vermittlungsinstanzen allseits propagiert wird? Oder unterliegen die dort entworfenen Modebilder nicht ebenso Schönheits-, Körper- und Modeidealen?

Sicherlich laufen die Inhalte der Blogs Gefahr, zu idealisieren. Und ist es nicht banal, dass wir damit letztlich wieder bei der Vermarktung von neuen Ideen landen – ganz im Sinne des „auf verwertbare Individualität zielenden neuen Geist des Kapitalismus“?
Am Rande mal gefragt, wozu brauchen wir überhaupt Trends und Vorbilder? Das hat wohl was mit Identitätsfindung und dem Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit zu tun…
Wenn ich schon psychologisiere, sind auch die Grenzen zur erzwungenen Andersartigkeit und Profilierung einzelner Protagonisten der Street-Style-Blogger-Szene fließend.

Der Wunsch nach Abgrenzung kann meiner Meinung nach zu weit führen. Monica Titton beschreibt treffend:

Das Ziel der modebewussten KosmopolitInnen ist es scheinbar nach wie vor, aufzufallen (…) „Style“ zu haben, ihn zu zeigen und dafür anerkannt zu werden, ist der Zustand, den es zu erreichen gilt. Wer Stil hat, ist in seiner Einzigartigkeit und Individualität etwas Besonderes und hebt sich von der uniformierten, „unstylishen“ Masse ab. Die absolute Konsekration des eigenen Stils ist es, ein Bild von sich auf einem bekannten Street-Style-Blog zu finden. Insbesondere in der Modeszene kommt dies einem Ritterschlag gleich.

street style blogs_warum_hel looks_the sartorialist_stil in berlin_nDennoch, ich verstehe den Reiz der Unangepasstheit und dem Stylingtalent vieler da draußen zu huldigen, indem man ihre Abbildungen zur freien Verfügung stellt. Für mich zumindest ist, individuellen Stil zu haben oder zu zeigen, ein Fest der Möglichkeiten und die sinnlich-ästhetische Auseinandersetzung eines Selbst mit sich selbst. Ein Ausdruck von Non-Konformismus und Lebensfreude.

Titton schlussfolgert, dass nicht klar auszumachen ist, welchen Einfluss Street-Style-Blogs nun konkret auf die Entstehung modischer Innovationen haben und bezeichnet sie lieber als „Dokumente modischer Pluralisierung“:

Eher unwahrscheinlich erscheint, dass die Trends von morgen schon heute auf Street-Style-Blogs veröffentlicht werden. Dem Soziologen Frédéric Monneyron zufolge bedarf es immer noch der „Mediationsleistung“ von DesignerInnen, damit die Neuheiten von der Straße in massenfähige Modelle umgewandelt werden können. Angesichts des stetigen Wachstums von sogenannten Fast-Fashion-Ketten wie H & M, Zara, Mango, Topshop und Target ist es ohnehin zu einer massiven Beschleunigung des Wandels in der Mode gekommen, so dass die Rekonstruktion des Ursprungs von bestimmten Trends zunehmend obsolet erscheint. Mit ihren extrem kurzen Produktionszyklen können Fast-Fashion-Ketten die Läden monatlich (statt viertel- oder halbjährlich wie die Prêt-à-porter-Labels) mit neuer Ware versorgen und so binnen kürzester Zeit auf neue Trends reagieren. Ob diese Trends nun zuerst auf einem Street-Style-Blog, an einer Celebrity oder auf einem Laufsteg in Paris entstanden sind, ist nicht mehr eindeutig auszumachen.
Am Ende sind Street-Style-Blogs ein weiterer Beleg dafür, dass die Mode der Gegenwart ihrem Inhalt nach pluralistisch ist, was eine Benennung von verbindlichen Tendenzen schwer macht (…) Dennoch sind es Street-Style-FotografInnen, die entscheidend dazu beitragen, dass die Aufmerksamkeit der Modeöffentlichkeit auf diese Vielfalt von persönlichen Stilen gelenkt wird. Sie erinnern uns aber auch daran, dass Exklusivität das zentrale Merkmal der Mode ist und bleibt. Schließlich lebt sie von ihrer Fähigkeit zu distinguieren.

Ich bin überzeugt, dass Street-Style-Fotografien vielen Fast-Fashion Designern als Vorlagen dienen, auch wenn dies nicht konkret nachvollzogen werden kann. Dies zu verhindern ist unmöglich und ich finde nicht nur Schlechtes daran. Inspiration ist Ausgangpunkt für Kreativität und Open Source ist das demokratische Medium zu ihrer Entfaltung.

Besser wäre, derlei Blogs sind nur dazu da, um sich einfach an der Vielfalt von Kreationen zu erfreuen. So wie man sich in der Poesie an dem Spiel mit den Worten labt.

Dennoch denke ich, sie kurbeln den Markt der Trendhascherei an und ich frage mich, wie ein Blog aussehen kann, der das Augenmerk auf den einzigartigen Moment der vorübergehenden Schönheit in der Kleiderpraxis Einzelner lenkt? Ist das überhaupt möglich? Ach wozu überhaupt brauchen wir dazu die virtuelle Welt – Augen auf im Straßenverkehr und auf Reisen!

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Quote Source: https://www.textezurkunst.de/78/mode-der-stadt/
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Illustration: Maria Koch