NEW ORDER – Zeit Konferenz

NEW ORDER – Zeit Konferenz

„New Order“ war die große Überschrift für die Mode&Stil Konferenz des Zeit Magazins und der deutschen Vogue am 27.7.2016.

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Für Daniel Marks ist die PR nur ein Hilfsmittel für die Designer, um an die Konsumenten zu gelangen. Dies wurde im ersten „one-on-one“ zwischen Daniel Marks, Chief Creative Officer des „The Communication Store“ und Claire Beermann, Autorin der Zeit, deutlich. Marks nutzte hier die Metapher eines Kellners im Restaurant, der die Speisen, des Meisterkochs zu den Gäste bringt. PR und Presse seien in diesem Sinne dafür da, ein rentables Geschäft zu schaffen.  Möglichst wortwörtlich wiedergegeben:

„The Designers shouldn’t be after the press, but built a relationship with their consumer.“

Außerdem sagte er, dass jeder Designer seinen eigenen Weg finden müsse. Für manche mag es die Show und der etablierte Weg sein, für viele hätten sich aber auch neue Wege über Social-Media entwickelt. Mode sei in dieser Entwicklung inklusiver geworden. Dies ist sicher ein besonders relevanter Punkt in der „NEW ORDER“ der Mode. Durch das Internet und Social-Media ist die Eintrittsschwelle niedriger geworden. Mit geringen Kosten und inzwischen auch moderatem Know-how (und einer ordentlichen Portion Glück) kann man sich über eine eigene Webseite und Socia-Media weltweit am Markt  positionieren. Die wichtigsten und vielleicht einzigen Tipps, die man geben könne, seien laut Marks:

„Find the right balance. Take opportunities. Trust your instinct. Create. Find your costumer. Grow your business. Hypes are hard to sustain.“

Gerade der letzte Tipp ist mir sehr positiv aufgefallen. In dieser Zeit, der ständigen Gleichzeitigkeit und des großen Überangebots fallen leider oft nur die Hypes besonders auf. Manchmal bekommt man fast das Gefühl, dass sich nur so noch erfolgreich arbeiten ließe. Aber es stimmt natürlich, das gerade Hypes ein Ablaufdatum haben und man sich auf langsames, echtes Wachstum konzentrieren sollte.

Auf Berlin als Modestadt angesprochen sagte Marks, dass er dafür zwar kein Experte wäre, aber dass er wohl soviel sagen könne:

„Don’t think about the others to much. Find a unique identity. Listen to the Designers!“

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Kreationen und Portrait von Jung-Talent Annelie Schubert

Gleich im Anschluss bei der Podiumsdiskussion zwischen Christiane Arp, Annelie Schubert, Ann-Sofie Johansson (Creative Advisor  H&M) und Thorsten Mindermann (Geschäftsführer H&M Deutschland) wurde dieser letzte Punkt dann erfreulicherweise aufgegriffen:
Viele Berliner Designer wünschen sich und brauchen Unterstützung um ihr Label rentabel zu gründen und zu führen. Das ehrenamtliche German Fashion Council möchte diese bieten.
Zusammen mit H&M soll es ein Fellowship-Programm geben, in das 5 Designer aufgenommen werden. Wir dürfen also gespannt sein, wie es mit der Ausschreibung, der Auswahl und letztendlich natürlich auch mit der Unterstützung weiter geht. Ziel sei es, den Designern dabei zu helfen eine „verkäufliche Kollektion auf den Markt zu bringen“. Mindermann spricht hier davon, dass H&M lange profitiert habe und jetzt den jungen Designern etwas „zurückgeben“ möchte. Was genau H&M von den Jungen genommen hat und wie diese jetzt profitieren, bleibt hierbei zunächst unbeantwortet. Wir werden sehen.

Im folgenden Podiumsgespräch kamen noch einige interessante Statements, die ich als kleine Erinnerung notiert habe. So Johansson, Creative Advisor H&M, zu den Designern :

„Let it take time. Don’t rush it. Keep your creativity. Have a clear vision.“

Die größte Herausforderung wiederum sieht Johansson darin,  als junger Designer überhaupt in das Business zu kommen und da zeigte sich auch im anschließenden Gespräch mit Annelie Schubert, wie elitär Mode oft doch noch ist.
Nachdem die Jung-Designerin ein Praktikum bei Haider Ackermann gemacht hatte, bekam sie zunächst keinen Job und entschloss sich einen Masterabschluss an der Kunsthochschule Berlin Weißensee zu absolvieren. Dies mit dem klaren Ziel eine „zu Ende gedachte“ Kollektion zu entwickeln mit der man sich bei Wettbewerben messen könne, um sich so eine Eintrittskarte in die Modewelt zu erarbeiten. Mit der herausragenden Kollektion gewann Annelie Schubert auch tatsächlich 2015 den anerkannten Hyères Preis und schaffte den Sprung in die Modewelt. Zusammen mit den Werkstätten von Chanel konnte sie im letzten Jahr eine neue Kollektion umsetzen und bewirbt sich jetzt bei den großen Häusern, wobei noch keine Entscheidung gefallen ist.

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Nach der kurzen musikalischen Unterbrechung durch Imany brachte die Sängerin eine interessante Metapher. Gefragt in welcher Zeit wir eigentlich lebten, sagte sie:

„It’s like we are all in a car without a driver, which goes really fast and we all know, but act as we don’t know, hoping, that we won’t hit a tree. […] The thing I want to do with this situation is being part of positive change – Have faith.“

Diese Metapher der Sängerin, die sie so kurz nebenbei hat fallen lassen, ist vielleicht die bedeutende Aussage des Tages, die die neue Ordnung wirklich trifft: Es gibt keine festen Regeln oder Ziele mehr, keine feste Richtung, auf die man sich verlassen kann. Man kann nur sein Bestes geben, um das Beste daraus zu machen. Was das am Ende heißt ist sicher für jeden unterschiedlich. Der einzige Tip bzw. das einzige Ziel, das man heute noch haben kann, was auch wiederholt von unterschiedlichsten Rednern betont wurde, ist:

Sei du selbst. Gib dein Bestes. Lass dich nicht zu stark beeinflussen. Arbeite hart. Glaube an dich.  Wenn du Glück hast, klappt es.

Gesungen hat sie bezeichnenderweise ein Lied mit dem Titel: Don’t be so shy.

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So sieht auch Imran Amed, Gründer und CEO von „The Business of Fashion“, dass die Regeln und Ziele in der Mode sich immer mehr auflösen. Es brauche keine Saisons mehr. Mode müsse eher als „Feed“ funktionieren. Auch Trends seien für ihn passé. Er wünsche sich vielmehr eine Gestaltung, die nicht nur für einen bestimmten Frauentyp passe, trendunabhängig und langlebiger sei. Er sehe ein neues Verständnis von Luxus. (Was ich übrigens nur lautstark unterschreiben kann.) Auch er betonte als Tipp nochmals, was an diesem Tag wohl als eine Art Mantra den ganzen Raum durchfloss:

„Success comes down to character, hard work, discipline and passion.“

Außerdem äußerte er den wohl stärksten und gleichzeitig emotional greifbarsten Ausdruck des Bedauerns auf die Frage nach dem Brexit. Alle Sprecher wurden danach gefragt und viele bezogen sich auf Imrans Antwort, dass es für ihn sei, als würde er die fünf Phasen der Trauer durchleben. Zunächst sei es für ihn ein Schock gewesen; Dann wäre er wütend gewesen; Jetzt würde er hoffen, dass es nicht passieren wird. Freizügigkeit und ein einiges Europa seien ein Geschenk für ihn und die Wirtschaft und die aktuelle Unsicherheit gefährlich und giftig.

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Deborah Needleman, Editor-in-Chief  des „T: The New York Times Style Magazins“, schloss die Runde mit zusammengefasst zwei starken Aussagen:

„The most successful people I see right now are those, who make rules for themselves.“

„It is not about style, it’s about creating a space which protects you, gives you strength, gives you a good feeling.“

Hiermit betonte sie abschließend nochmals, dass man Mut haben sollte, seinen eigenen Ideen zu folgen, auch wenn sie nicht den konventionellen Regeln entsprechen, aber auch, dass Mode und Design mehr sind als nur ein Produkt oder ein Kleidungsstück. Es ginge um die Geschichte und die Philosophie dahinter und darum was man selbst damit verbindet. Wir können uns mit Mode ein tragbares zu Hause schaffen, dass uns stärkt.

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Soviel zur zugegebenermaßen sehr knappen Zusammenfassung, die sich auf das Positive konzentriert.

Insgesamt hat mich die Veranstaltung und die Auswahl der Redner überzeugt. Vielleicht hätte ich mir noch eine Stimme der jüngeren „neuen“ Generation gewünscht, die direkt in diese „New Order“ gewachsen ist und mehr oder weniger „unbelastet vom Alten“ das Neue beschreiben, analysieren  oder Perspektiven aufzeigen könnte. Diese Rolle kam mit Annelie sehr knapp weg, während sich viele sehr etablierte Fachmänner ausgiebig geäußert haben.

Ich denke zu definieren, was die Mode von morgen sein wird, bleibt hier eher offen. In den Gesprächen ist deutlich geworden, dass es wohl irgendeine Mischung als alt und neu sei. Wie diese aussehen wird, werden wir sehen und gestalten. Hoffentlich zum Positiven!

Denn ich muss hier am Ende doch nochmal anmerken, dass der soziale und ökologische Aspekt wieder ausgesprochen kurz kam. Gerade in Zeiten von Social-Media und Internet ist die Sichtbarkeit von Missständen in der Modeindustrie größer denn je.
Soziale und ökologische Nachhaltigkeit zusammen mit ästhetischem Design wird die oder zumindest Teil der „NEW ORDER“ sein. Und darüber hinaus:

Könnte nicht gerade das Berlins Identität als Mode Standort sein?

– Dafür bräuchte es mutige Entscheidungen.