Ästhetik des Besitzens

Ästhetik des Besitzens

Vor Kurzem lauschte ich spontan einer philosophischen Diskussion über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer ‚Ästhetik des Besitzens‘ in der von Bazon Brock eröffneten Denkerei in Berlin-Kreuzberg. Ich wusste nicht so recht was zu erwarten war und befand mich dann mittendrin, in der Welt der Kunst- und Geisteswissenschaft. Also muss ich rekapitulieren und einen Schritt zurück gehen. Dies nehme ich nun zum Anlass, die Begrifflichkeiten aus der Perspektive der Mode im Ansatz genauer zu betrachten.

Die essenzielle Fragestellung lautet: Kann ich allein durch das Besitzen von etwas (hier insbesondere Kunst oder Luxusgegenstand) eine ästhetische Erfahrung haben? …Kant und andere sagten ’nee‘ (oder sowas in der Art) – Wolfgang Ullrich und Lambert Wiesing sagen im Gespräch mit Prof. Dr. Juliane Rebentisch ‚ja doch‘!

Moment. Wie definiert sich Ästhetik und woraus bestehen ästhetische Erfahrungen? So völlig frei würde ich Ästhetik als Genuss an der Wahrnehmung einer Sache verstehen – vor allem der Genuss am Schönen, oder eher am „gewollt“ Schönen? Schönheit liegt angeblich im Auge des Betrachters… und dennoch lässt sich ein gemeinsamer Konsens über Schönheit bzw. bei der Beurteilung von Schönheit finden, was wahrscheinlich auch etwas mit unserer kulturellen Prägung zu tun hat…? Oder kann ein Gegenstand einfach uneingeschränkt objektiv ‚ansprechend‘ sein? Und kann etwas auch zufällig ästhetisch sein wie ein Baum oder nur, wenn es jemand absichtlich so gestaltet hat, eben als Künstler oder Designer?

Darüber haben sich natürlich schon ganz Andere lange vor mir ihre Köpfe zerbrochen – ein großes Fass, das ich aufmache und in dessen Tiefen ich mich nicht haltlos stürze. Erste Anlaufstelle – Wikipedia: Ästhetik meint im klassischen Sinne die Lehre der Wahrnehmung, also vom sinnlichen Anschauen; dann bis ins 19. Jahrhundert die Lehre der wahrnehmbaren Schönheit und Harmonie in Natur und Kunst. Umgangssprachlich wird ‚ästhetisch‘ heute als Synonym für ’schön‘, ‚geschmackvoll‘ oder ‚ansprechend‘ verwendet. Die Wissenschaft forscht weiter und beschreibt damit verschiedene Theorien, die sich mit der Art und Weise von Sinnlichkeit oder Sinnhaftigkeit, mit der Urteilskraft und/oder mit den Faktoren zur Beurteilung von Wahrgenommenem, meist von Kunstwerken, beschäftigen.

Für mich klingt das grob nach einer Philosophie der Kunstauffassung. Die Kunst spielt eine zentrale Rolle, weil sie per se in einem ästhetischen Kontext steht – also unter Gesichtspunkten von ’schön‘ und ‚hässlich‘ wahrgenommen wird. Im Gegensatz dazu beschäftigt sich beispielsweise die Sozialwissenschaft zunehmend mit Ästhetik in der Erscheinungsform einer Ästhetisierung unseres Alltags und unserer Lebenswelt.

Stopp. Das ist auch sehr interessant. Da kommt die Gestaltung des Alltäglichen und alltäglicher Gebrauchsgegenstände – wie die Mode – ins Spiel.

Doch erstmal zurück in die aktuelle Debatte. Einspruch gegen Kants „interessenloses Wohlgefallen“: Lambert Wiesing behauptet, dass im Akt des Besitzens, der das Benutzen einschließt, durchaus eine ästhetische Erfahrung mitschwingt. Das gilt vor allem für den unzweckmäßigen Luxus, den man sich, wohlwissend seiner Übertriebenheit, (dennoch) gönnt – und angeblich – ganz ohne protzen zu wollen. Es sei gerade der Bruch mit sich selbst, die Stellungsnahme zu sich selbst, was die Erfahrung ausmache. Juliane Rebentisch wirft ein, dass laut Bourdieu die Kunst ihren ästhetischen Wert verliere, wenn sie zum Luxusgut wird. Wolfgang Ullrich ist hingegen überzeugt, dass ein einfacher Rezipient (Museumsbesucher) andere ästhetische Erfahrungen mache als ein Besitzer von Kunst. Letzterer vergegenwärtige sich nicht nur seinen Reichtum und seine Außenwirkung, sondern genieße seine erhabene Stellung und ein Gefühl von Freiheit… Ich habe das Gefühl, die Begriffe dehnen sich aus und verschachteln sich.

In meinem eigenen Kopf versuche ich das mal zusammen zu bringen. Die ästhetische Beurteilung von Mode ist für das Schaffen eines Designers natürlich (auch) sehr wichtig. Der Beruf fordert Gefallen auszulösen, ist aber auch richtungsweisend. Modebegeisterte fröhnen wortwörtlich anziehender bis ausgefallener Mode – sie sind sowohl Besitzer von Modeartikeln als auch Rezipienten, die in Magazinen blättern und Modenschauen besuchen. Nicht alles, was sie sehen, finden sie schön und nicht alles was sie schön finden, kaufen sie auch. Der Besitz macht einen Unterschied, der auch auf Außenwirkung und Kommunikation abzielt. Aber nicht nur – mal abgesehen davon, dass schlichtweg ein praktischer Nutzen erfüllt sein mag oder sich das Selbst optisch konstruiert und manifestiert – auch ich bin stolze Besitzerin einiger ausgewählter Stücke, die ich dennoch selten ausführe. In diesen Fällen erfreue ich mich wohl privat am Schönen und an meinem Geschmack, in einer Art repetitiver selbstvergewissender Identitätsstiftung? Mit der extrem hochpreisigen Luxusmode verhält es sich sicher nochmal ganz anders. Hier docken wir bei Herrn Wiesing an und ich bin mir nicht sicher, ob übertriebener Luxus tatsächlich etwas mit ästhetischer Wahrnehmung zu tun hat. Luxus im Sinne von hoher Qualität und ihrer Wertschätzung dann doch eher?

Also, nochmal einfacher, sollte man sich in diesem Zusammenhang fragen: Finde ich etwas ansprechend, WEIL ich es besitze? Oder WEIL ich es mir leisten kann es zu besitzen? Im letzteren Fall, finde ich, findet man sich höchstens selbst ganz toll – trotz des Unvermögens mit Geld umgehen zu können oder weil man in den eigenen Reichtum investiert.

 

Illustration: Lisa Frühbeis