Angewandte Ethik – Peter Singer über Verantwortung und den Wert des Lebens

Angewandte Ethik – Peter Singer über Verantwortung und den Wert des Lebens

Er ist einer der renommiertesten und doch umstrittensten Moralphilosophen – der Weltverbesserer unter den Philosophen – so betitelt ihn der Schweizer Kultursender SRF im Interview, aus dem wir hier einige Auszüge darstellen möchten. Der Australier Peter Singer setzt sich für Tierrechte ein und ist wegen seiner extremen Ansichten zum Thema ‚Infantizid‘ – die Kindstötung nach der Geburt – zur persona non grata erklärt worden. Hier kommt er zu Wort und bezieht im Video¹ Stellung zu Fragen der Bio-Ethik.

 

Wenn sie darüber nachdenken, werden sie realisieren, dass es nicht darauf ankommt, auf welche Art man ein Leben absichtlich beendet. Wichtig ist die Entscheidung, was für dieses Kind und seine Familie besser ist. Dass das Kind lebt oder dass es stirbt. (…)

Nehmen wir an, wir haben ein Kind, das viel zu früh zur Welt gekommen ist. Wenn man es nicht sofort künstlich beatmet, stirbt das Baby, noch bevor man einen Gehirn-Scan gemacht hat, um festzustellen, ob das Gehirn in Ordnung ist. Was man also richtigerweise macht – man startet das Beatmungsgerät. Wir beatmen es künstlich und dann untersuchen wir es. Und wenn diese Untersuchung zeigt, dass die Aussichten auf eine sinnvolle Lebensqualität für dieses Kind sehr, sehr gering sind, dann kann man mit den Eltern darüber diskutieren, ob das Beatmungsgerät ausgeschaltet werden soll. Dies scheint mir unter diesen Umständen das einzige vernünftige Vorgehen zu sein.

Die meisten Menschen, die darüber nachdenken, werden sagen, dass es besser ist, keine Behinderung zu haben. (…) Wenn man sie heilen könnte, würden die meisten Menschen einer Heilung zusprechen.

Warum sollten wir denken, dass uns, nur weil wir zur Art Homo Sapiens gehören, ein absolutes Recht auf Leben zusteht. Und wenn sie nicht dazu gehören, sondern zum Beispiel (…) ein Schimpanse sind, dann haben sie kein absolutes Recht auf Leben. Das ist für mich ein Relikt von religiösem Denken. Ich sehe keinen anderen Grund.

In gewissen Phasen meines Lebens war ich politisch engagiert. (…) Aber ich bin auch zur Einsicht gelangt, dass politische Prozesse oft sehr langsam sind, wenn man etwas verändern will. (…) Ich finde, dass das US-amerikanische politische System wirklich ein Schlamassel ist. Es ist wahnsinnig schwierig, die nötigen Veränderungen zu erzielen. Was ich den Leuten sage, ist, ihr dürft euch nicht machtlos fühlen, nur weil das politische System derart deformiert ist, dass man nichts erreicht. Es gibt Dinge, die einzelne Bürger tun können. Das ist oft auch das Thema beim ‚effektiven Altruismus‘. Wir versuchen nicht, die Leute davon abzuhalten, sich politisch zu engagieren. Aber wir sagen, dass man wirkungsvolle Dinge tun kann.

„Jeder sollte begreifen, dass wir in einer Welt leben, in der es einige sehr ernste Probleme gibt. Die weltweite Armut gehört zu diesen Problemen. Das Leiden, das wir Tieren antun, ist ein weiteres großes Problem, das Dutzende von Milliarden fühlenden Wesen betrifft. Ein anderes riesiges Problem ist (…) der Klimawandel. Einfach zu sagen, ich nehme von all dem keine Notiz – ich kaufe Kunst und umgebe mich mit Kunst, oder ich erklimme so viele Bergspitzen wie ich kann – das scheint mir zu Genuss-orientiert. Sich von den Realitäten der Welt, in der wir leben, einfach abzuwenden. Damit will ich nicht sagen, dass ich diese beiden Dinge nicht genieße – Kunst oder einen Berg zu besteigen. Wenn man das aber zu seinem wichtigsten Lebensziel erhebt, scheint mir, verkennt man den Beitrag, der an diese Welt geleistet werden könnte.

Heute aber leben wir in einer sehr anderen Welt. In einer Welt der Echtzeit-Kommunikation und des schnellen Transports. In einer Welt, wo alles miteinander verbunden ist. Dies alles einfach zu ignorieren und zu sagen, ich begnüge mich damit, die Regeln zu befolgen, indem ich niemandem schade, nicht betrüge – das scheint mir nicht genug.

Unser Leben ist luxuriöser. (…) Wir haben also viele Vorteile, weil wir im 21. Jahrhundert leben. Aber ja, auch die Ansprüche an uns sind gestiegen.

Ich würde gerne eine Welt sehen, in der niemand in extremer Armut lebt. In der die soziale Sicherheit, die wir in den wohlhabenden Ländern (…) kennen, (…) weltweit verwirklicht ist. Das jederman mindestens diese elementare Minimum hat. (…) Ich würde gerne eine Welt sehen, in der wir Tieren nicht enormes Leiden zufügen, um sie zu tiefst-möglichen Kosten in Dinge zu verwandeln, die wir konsumieren. (…) Ich würde gerne eine Welt sehen, in der wir nicht das Klima schädigen, für künftige Generationen. Und natürlich, würde ich idealerweise gerne eine friedliche Welt sehen, in der wir nicht mit Kriegen beschäftigt sind oder Milliarden von Dollars für Rüstungen ausgeben. Dies zu erreichen, wird sogar noch schwieriger sein.

 

 

 

¹Peter Singer – Der Weltverbesserer unter den Philosophen; Sternstunde Philosophie; vom 24.05.2015; SRF Kultur auf Youtube
Weitere Infos:
Peter Singer ist bekannt für sein Buch ‚Praktische Ethik‘ (engl. Practical Ethics), erstmals erschienen 1979
BPB – Dossier Bioethik: Der (Präferenz-)Utilitarismus Peter Singers – Darstellung und kritische Würdigung: http://www.bpb.de/gesellschaft/umwelt/bioethik/208812/standpunkt-der-praeferenz-utilitarismus-peter-singers?p=all