MEXIKO #2: Textiles Kunsthandwerk / Standortrecherche

MEXIKO #2: Textiles Kunsthandwerk / Standortrecherche

Ein Reisebericht von UTA.

Im Vorfeld meines Mexiko-Trips habe ich wenigstens recherchiert, welche Stopps ich einlegen könnte, die mich auf die Pfärte der Kultur des Textilhandwerks verschiedener regionaler Völker führen (und doch nicht vorbei an anderen mehr oder weniger klassischen Sehenswürdigkeiten). Schnell jedoch bemerkte ich, dass man dafür eine ganz eigene spezielle Reise planen müsste, die wochenlange Beschäftigung garantiert. Ich stieß zum Beispiel auf das Angebot von Tia Stephanie, die u.a. eine ganze Palette an ‘Textile Tours’ durch Mexiko organisiert. So bekam ich eine gute Vorstellung davon, was es alles zu erkunden gibt. Von textilen Traditionen entlang der Küste Oaxaca’s, Isthmus und in den Chiapas Highlands, auf der Spur des mexikanischen Rebozo-Schals in und um Mexico City, über La Chinantla in Veracruz, Tehuacán und Guerrero gibt es unendlich viele Anhaltspunkte, die einem die diversen Relikte des Webens, natürlichen Garnfärbens und Stickens näher bringen.

Regelrecht überfordert von den Möglichkeiten, die sich mir boten, beschränkte ich mich letztlich auf das, was mir im Fluss des Dahinreisens natürlicherweise begegnen sollte und lenkte hier und da zielbewusst meinen Besuch auf einen lokalen Markt oder in ein Museum.

Mir wurde klar, dass – wie überall – große Unterschiede in der Qualität der angebotenen Textilien bestehen und eine hochwertige Verarbeitung von erlesenen Materialien eher selten bzw. nur in ausgewählten Läden angepriesen werden. Die Industrialisierung macht auch vor dem mexikanischen Handwerk keinen Halt. Trotz seiner Attraktivität für Touristen und dem örtlichen Bestreben, die eigene Kultur zu bewahren, beugt man sich der Tatsache, dass die meisten Konsumenten nach dem günstigsten Preis greifen und greift so auch selbst z.B. zu chemisch gefärbten, synthetischen Garnen, statt sie mühsam auf natürliche Weise herzustellen.

So heißt es auch auf der Website von Friends of Oaxacan Folk Art über familiäre Webereien in Teotitlán del Valle und Santa Ana del Valle: „The finest work is carried out by the far smaller number of families who create dyes from natural substances and use pure hand-spun wool.“

Man muss als Käufer also wissen, was man will und wo man es bekommt. Nichtsdestotrotz ist die farbenfrohe Kunstfertigkeit der Mexikaner unheimlich beeindruckend und ich möchte euch hier einige der potenziellen Reisestationen vorstellen. Bevor ich ins Detail gehe und meine persönlichen Eindrücke und Erfahrungen schildere, scheint mir ein grober Überblick über die Regionen und was dort vorzufinden ist, als erste Orientierung aufschlussreich und hilfreich.

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mexico map_TEXTILSTANDORTE IN MEXIKO/

Egal wo in Mexiko man Halt macht, wird man in jeder touristischen Stadt Kunsthandwerk aus dem ganzen Land begegnen. In Tulum, am östlichen Atlantikstrand der Halbinsel Yucatán, dem karibischen Urlaubsparadies schlechthin, findet man entlang der Hauptstraße eine ganze Bandbreite ausgesuchter Taschen, Blusen, Ponchos, Sandalen und Schmuck neben Makramé-Hängematten und allerlei Kunst aus Papier, Holz und Keramik – wenn sich auch vieles ähnelt und, logischerweise, zu höheren Preisen als direkt vom jeweiligen Ursprungsort bezogen.

Als typisch mexikanisch bekannt sind besonders Produkte aus den südlichen Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca – zwei der ärmsten und kulturell vielfältigsten Regionen mit großen Anteilen indigener Bevölkerung.

In Oaxaca ist es knapp die Hälfte, die sich aus 16 verschiedenen indigenen Völkern zusammen setzt, die sich wiederum in Untergruppen aufteilen. Und jede dieser Gruppen weist eigene Trachten und Rituale vor. Vor allem die Zapotec und Mixtec sind hoch entwickelt und weit verbreitet. Es ist unglaublich, mit welcher Vielfalt an textilen Traditionen und Einzigartigkeiten all die Kunsthandwerker ihr kulturelles Erbe fortführen. Sie kreieren wahre visuelle Meisterwerke, in denen sich ihre Geschichte und Symboliken zu Mustern und Farben verweben, die sie mit Stickereien übersäen.

Besonders auffällig – denn überall in allen Variationen aufzuspüren – sind die sogenannten Huipils: traditionelle mexikanische Blusen und Kleider, wie sie von indigenen Frauen getragen werden bzw. wurden. Ihr Tunika-artiger Schnitt basiert auf zwei-drei zusammen gesetzten einfachen rechteckigen Formen mit Öffnungen für Kopf und Arme. Sie sitzen recht locker, werden manchmal mit einem handgewebten Gürtel tailliert angelegt und dabei meist zu Röcken kombiniert getragen. Das Interessanteste ist die Art ihrer Verzierung, die sehr unterschiedlich ausfallen kann.

mexiko_gürtelwebgerät_backstrap loom_zinacantanZum Weben benutzt man entweder Gürtelwebgeräte (engl. backstrap loom), mit denen per Hand schmale Bahnen auf dem Boden sitzend gewebt werden wie in Santo Tomás Jaliza, oder komplexere Webstühle, die man mit einem Fußpedal betätigt. So entstehen in Mitla Stoffe für Kleider, aber auch Schals, Hosen, Tisch- und Bettdecken mit Mustern, die von den dort ansässigen Zapotekischen Ruinen inspiriert sind.

mexiko_weberei_mitlaIn Teotitlan del Valle gibt es einerseits viele Familien, die Teppiche für Boden und Wand herstellen, und außerdem eine Gemeinschaft namens ‘The Centro de Arte Textil Zapoteco – Bii Dauu’, die ihre Weberei mit nachhaltigem Fokus auf natürliche Färbung betreiben. Stellenweise wird an der Küste Oaxacas noch natürlich-braune Baumwolle namens ‘Coyuche Cotton’ verarbeitet und die Tradition des Färbens mit kostbarem Purpur durch den Farbstoff der ‘Púrpura Pansa’-Meeresschnecken auf angeblich tierfreundliche Art und Weise engagiert gepflegt. So wurde übrigens auch das natürliche Färben von Rottönen mit den Cochenilleschildläusen, wie in Europa lange üblich, aus Mexiko überliefert und gibt, gleichermaßen wie Murex-Schnecken und in Kombination mit Indigoblau, traditionellen Wickelröcken der Mixtec, den ‘Pozahuancos’ ihre farbigen Streifen.

In unzähligen kleinen abgeschiedenen Ortschaften siedeln sich WeberInnen und Genossenschaften an, die ich auch alle gerne besucht hätte, aber da wir vorwiegend mit Bussen gereist sind, waren wir nicht so flexibel, um Abstecher einzulegen, und es hätte den Rahmen sowieso gesprengt.

Immerhin bot sich mir die Möglichkeit, mich in Chamula und Zinacantán umzuschauen – zwei Dörfer nicht weit von San Cristóbal, eine aufregende Stadt auf 2100m Höhe, die tags wie abends überlaufen ist von voll beladenen Frauen, die, fast um Geld bettelnd, ihre Textilwaren anpreisen. Zu diesem Phänomen an anderer Stelle mehr. Ebenfalls überliefert die Zeichensprache einiger Gemeinden im zentralen Hochland noch die Kosmologie, Traumvisionen und Textiltraditionen ehemaliger Maya-Kulturen, die einst das Land bewohnten. Aber auch wegen der verschiedenen klimatischen Zonen in Chiapas, gibt es von wolligen Röcken, Schals und Ponchos in den Bergen über blumenverzierte Tunikas bis zu sommerlich-leichten Baumwollblusen der Dschungelbewohner dieser Region unfassbar viele schöne Textilien zu entdecken.

mexiko_stoffe_textilienDer Vollständigkeit halber, hier eine Liste der Orte, die ich mir notierte und was wo zu finden ist in Ergänzung zur Karte (s.o.):

OAXACA

San Antonino Castillo Velasco & San Juan Chilateca: verschiedene Arten von Stickereien auf farbig gemustert gewebten Stoffen, bekannt für ‘Hochzeitskleider’ (weiße Blusen oder Kleider mit Stickereien auf Ärmeln und Vorderseiten sowie Häkelrändern an Ausschnitten)

Santo Tomás Jaliza: Baumwollstoffe und Gürtel von Hand gewebt – „Textiles de algodón hecho a mano“ auf lokalem Markt

Mitla: gewebte Baumwollstoffe für Blusen, Kleider, Schals (Rebozos), Hosen, Haushaltstextilien, dekorative Elemente eingewebt sowie von Stickerei und Häkelarbeiten

Xochistlahuaca: Mekka von Amuzgo-WeberInnen, Gemeinschaft ‘Flor de Xochistlahuaca’, traditionelle Huipils aus 3 Bahnen, Batas aus 2 Bahnen handgewebt über bis zu 6 Monate

Pinotepa de Don Luis & San Juan Colorado: einzigartige Mixtec Webereien und Organisationen entlang der Küste ‘Costa Chica’, traditioneller Pozahuanco: lila-rot-blau gestreifter Wickelrock

Huazolotitlan & Jamiltepec: Mixtec Ikonographie eines doppel-köpfigen Adlers, bestimmte Tragweise des Huipils über der Schulter

Huatulco: Mixtec Vereinigung von Purpur-FärberInnen

Salina Cruz: Huave Gemeinschaft von WeberInnen, die das farbenfrohe Kostüm der Zapotec Frauen von Isthmus übernommen haben, das aus Huipil und fließendem Rock besteht

Juchitan: Zapotec Gemeinde, Geschichte und Evolution des ‘Traje’-Gewands von Isthmus of Tehuantepec and ihre diversen Sticktechniken

Teotitlan del Valle: Zapotec Gemeinde von WeberInnen und nachhaltiger Vereinigung ‘ The Centro de Arte Textil Zapoteco – Bii Dauu’, viele familiäre Webereien für Teppiche

CHIAPAS

Chamula: Tztotzil Gemeinde, die Zeremonien in der Tradition der Maya-Kosmovision abhält und Schafe als Familienmitglieder hält, deren Wolle zu zotteligen Röcken und Kluften für Männer verarbeitet wird

Zinacantán: Fokus auf blumige Stickereien aller Art, besonders auf religiösen Kitteln für Männer und Blusen für Frauen

Magdalenas & San Andrés Larráinzar: Zeremonielle Huipils, Text und Ikonographie in Maya-Geweben

Venustiano Carranza: tropische leichte, hand-gewebte Baumwollblusen

Chenalho: weitere einzigartige Stile, Kooperationen mit modernen Designern

Tenejapa: Tzeltal-Webgemeinde

WEITERE

San Lucas Ojitlan: Huipils von El Pescadito

Valle de Tehuacán: schöne Blusen, inspiriert vom traditionellen ‘China Poblana’ Outfit

Tenancingo: Rebozo-Mekka Mexikos, bekannt für exquisite Rebozos mit Ikat-gemusterter Färbung (‘Jaspe’), jährliches ‘Feria del Rebozo’-Festival mit den Besten der Besten

Santa Maria del Rio: berühmt als Geburtsort des Rebozos und für den ‘Rebozo de Caramelo’, ausgezeichnete Meisterstücke

Michoacán, Ahuiran, Aranza, Angahuan: Kunsthandwerker und Meister-WeberInnen vom Purepecha Plateau

La Piedad: ebenfalls wichtige Stadt, in der Rebozos hergestellt werden

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Außerdem werde ich in den nächsten Folgen Museen, Ausstellungen und die Märkte in den Städten Oaxaca City und Mexico City vorstellen, die Einiges über das textile Handwerk Mexikos offenbaren und detaillierter von ein paar persönliche Begegnungen berichten.

Mehr Informationen über einzelne Kunsthandwerker sind zu finden auf www.mexicoartshow.com oder www.fofa.us oder http://mexico.novica.com.

Karte & Fotos: UTA