ZEIT Konferenz Mode&Stil 2017 – Teil 2

ZEIT Konferenz Mode&Stil 2017 – Teil 2

Stehen geblieben sind wir bei Tillmann Prüfers ehrlicher Eröffnungsrede zur ZEIT Konferenz Mode&Stil 2017 mit dem kryptischen Slogan “It’s the Fashion, stupid!” im Kronprinzenpalais Berlin . Prüfers Keynote Thema war, dass die Modeszene sich aktuell grundlegend ändert. Der elitäre Kreis von Fachleuten wird durch Blogger und Influencer plötzlich aufgerüttelt. Und obwohl die Größen der neuen Medien oft ungelernt und jung sind, verbannen sie, ob ihrer Reichweite, immer öfter die eigentlichen Fachleute in die zweiten und dritten Reihen. Vielleicht ist die offene und persönliche Rede Prüfers der Versuch einer Annäherung an diese Art der modernen Kommunikation, die oft Tiefe vermissen lässt, aber dafür persönlich, ehrlich und direkt daher kommt.

Und nun zu der vielversprechenden Reihe an eingeladenen Personen. Die ZEIT Konferenz, in Zusammenarbeit mit der VOGUE Deutschland, schafft hier immer wieder Beeindruckendes und verleiht der Berliner Fashionweek, gleich zum Auftakt, einen gewissen internationalen Flair, indem sie große Namen aus Kultur und Mode nach Berlin lotsen.

ANUM BASHIR

So hat die bekannte Bloggerin und Influencerin Anum Bashir zu Beginn einen kleinen Einblick in die Emanzipation der arabischen Frau und Mode gegeben. Sie erkennt, im Gespräch mit Claire Beermann, besonders die Verbundenheit zur Tradition und die Lust auf Neues als gekonnte Mischung im arabischen Raum an.

ANJA CRONBERG & CHRIS DERCON

Anschließend unterhielt sich Chris Dercon, zukünftiger Intendant der Volksbühne, mit Anja Cronberg, Gründerin des empfehlenswerten VESTOJ Magazins, und Christoph Amend. Cronberg und Dercon, die ein gemeinsames Projekt für die Volksbühne Berlin planen, wünschen sich beide, dass Mode ernst genommen wird. Sie sehen Mode soziologisch, kulturell und persönlich relevant. Dercon betont die enge Verbundenheit von Theater und Mode, die laut Cronberg in den aktuellen Modenschauen aber immer weniger sichtbar wird, da der Fokus zunehmend auf der Kleidung liege. Dercon erwidert, dass aber gleichzeitig die Geschichten und das “Storytelling” an Bedeutung gewinne. Dercon kommt anschließend auf die Generation Z, die er durchaus kritisch sieht, da es eine Maschine sei, die sich stets um sich selbst drehe. Zwischen Selfies und Selbstinszenierung sieht er die Wichtigkeit des reinen Konsums problematisch, erkennt aber an, dass auch die Inszenierung auf Instagram eine Art der Interpretation von Mode sei. Dercon lässt anschließend die Frage offen, wie man auf diese Entwicklung reagieren könne oder solle.
Cronberg betont abschließend den massiven Unterschied zwischen der medialen Kommunikation, des gefühlten dabei seins und der tatsächlichen “Nowness” bzw. des “Live” Erlebens. Jede Art von medialem Handeln ist ein Filter und verändert die Wahrnehmung. Es ist nicht vergleichbar mit der Teilnahme und der persönlichen Auseinandersetzung. Sich diesen Unterschied bewusst zu machen, sei sehr wichtig.

LIVIA FIRTH

Nun zu einem Teil der uns als AETHIC-Team besonders gefreut hat. Ethik und Nachhaltigkeit hat bei der Zeit Konferenz dieses Jahr auch eine große Rolle gespielt. Livia Firth stellte im Gespräch mit Christiane Arp, Chefredakteurin der VOGUE Deutschland, ihr Engagement für nachhaltige Mode, mit Eco Age und der Green Carpet Challenge, vor.
Nach einer Reise nach Bangladesch entschloss Firth sich gegen die Mode, als zweit größten Verschmutzer der Umwelt und einen der Hauptverursacher von moderner Sklavenarbeit, zu richten und für positive Mode zu kämpfen. Entsprechend versteht sie sich als Campaignerin für Menschenrechte. Die Problematik sieht sie in der Fast Fashion und dem Massenkonsum, der nicht nur oben genannte Nachteile, sondern auch eine geringere Wertschätzung für die Kleidung hervorruft. Arp pflichtet bei und bestätigt, dass es inzwischen statt 2 ganze 52 Saisons pro Jahr gibt und jeder Deutsche durchschnittlich 22kg Kleidung pro Jahr kauft. Daraufhin folgt Arp jedoch mit dem Totschlag-Argument der armen Alleinerziehenden Mutter, auf das Firth locker reagiert und sagt, Mode sei ein Mittel von Emanzipation und Erziehung. Sie finde es gut das gleiche Teil immer wieder auf unterschiedliche Arten und Weisen zu tragen und würde das selbst leben, sowie an ihre Kinder weitergeben. Auf die Frage warum der Wechsel nur so langsam statt finde, bietet Firth eine aparte Metapher.

“It is like eating an elephant.”

Man könne nicht das ganze Tier auf einmal essen. Mann muss es Stück für Stück machen. Es dauert. Und so sei es auch bei der Ethik in der Mode. Eine so große, komplexe Industrie umzustellen dauere seine Zeit.

Ein weiteres Projekt von Firth, auf das sie von Arp angesprochen wurde, ist die Aufgabe sich bei jedem Teil, das man kaufen möchte, zu fragen, ob man es mindestens 30 mal anziehen wird. Wenn die Antwort ja ist, dann solle man es kaufen, sonst hängen lassen. Gute Faustregel. #30.

Arp spricht auch den essenziellen Punkt an, dass Nachhaltigkeit ein “unsexy”, sinnentleerter und in Zusammenhang mit Mode widersprüchliches Wort ist. Auch hier überzeugt mich Firth mit ihrer lockeren, durchdachten und reflektierten Antwort ungemein. Auf die Person gesehen betont sie nochmals, dass es attraktiver sei etwas anzuziehen auf das man stolz ist, womit man sich auseinander gesetzt hat, was eine Geschichte hat, in das man investiert hat und in dem man sich zusätzlich wohl fühlt. Dennoch sieht sie die Problematik des Wortes und hat sich deshalb bereits mit einem Sprachwissenschaftler zusammen gesetzt und ein anderes Wort gesucht. Allerdings meinte dieser nach ein paar Stunden der Suche, dass es wohl müßig sei, da sie nur das nächste Wort suchten, dass dann seinem Sinn beraubt würde. Also sei es wichtig dem Wort Nachhaltigkeit seine Bedeutung zurück zu geben und es ernst zu nehmen.
Unwissenheit sei heutzutage eine Sache der Wahl. Jeder könne sich informieren und mit seinen Kaufentscheidungen etwas ändern. Und so schloss sie mit den starken Worten:

“Fashion is a weapon and we have to start using it.”

FLORIANE DE SAINT PIERRE

Später am Tag sprach Christiane Arp mit Floriane de Saint Pierre, einer der Headhunterinnen und Talent-Scouts der aktuellen Modeindustrie. Saint Pierre sieht die Paradigmenwechsel in der medialen Kanal-Vielzahl und der Frage nach Eigentum im Gegensatz zu Erreichbarkeit und in diesem Sinne der Entwicklung zu Leih- und Sharingmodellen.  Im Zuge der Digitalisierung müsse jeder Teilbereich einer Firma ehrlich sein und gestaltet werden. Es ginge nicht mehr nur um die Kollektion, sondern um das Gesamtbild aus medialien Konzepten, Kollektion und der zu erhaltenden Handwerkskunst. Als Antwort auf unsichere politische Zeiten sieht sie einen stärkeren Fokus auf gehaltvolle (meaningful) Dinge. Hier sehe ich Parallelen zu Livia Firth, sowie Dercon und Cronberg, die alle die Geschichte in der Kleidung und die persönliche Auseinandersetzung betonen.

Das “Story-Telling”, in welcher Form auch immer, wird in der Mode wohl immer wichtiger und als Antwort gesehen.